Text von Wilhelm Unrau, Facebook, 21. April 2026
Es gibt eine politische Logik, die man nur versteht, wenn man die Neurobiologie ernst nimmt. Friedrich Merz betreibt Haushaltspolitik. Er glaubt, er betreibe Haushaltspolitik. Er rechnet, kürzt, reformiert – mit der Überzeugung des Mannes, der meint zu wissen, wie Zahlen funktionieren. Was er nicht weiß – oder nicht wissen will – ist, was seine Politik mit den Menschen macht, die sie betrifft., genauer mit ihrem Nervensystemen. Und was diese Nervensysteme dann wählen. Stephen Porges hat gezeigt: Das autonome Nervensystem operiert in drei Zuständen. Im Zustand sozialer Verbindung – ventrale Vagus-Aktivierung – ist der Mensch empathisch, kooperativ, zukunftsfähig. Im Zustand der Bedrohung – Sympathikus-Aktivierung – ist er auf Kampf oder Flucht ausgerichtet. Und im Zustand totaler Überwältigung kollabiert er in Erstarrung und Dissoziation. Entscheidend ist: Empathie ist nur im ersten Zustand möglich. Ein Nervensystem im Überlebensmodus kann den Schmerz des anderen nicht spüren. Nicht weil es nicht will. Sondern weil das soziale Nervensystem offline ist – neurobiologisch, nicht moralisch. Das ist der Nicht-Empathie-Modus. Und er ist das entscheidende Verbindungsglied zwischen Neurobiologie und Politik.
Was Merz tut
Die Abschaffung der kostenfreien Familienversicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung ist nicht nur eine Sparmaßnahme. Sie ist – in ihrer neurobiologischen Wirkung – ein Mechanismus der Bedrohungserzeugung. Die Familie, die bisher sicher war, ist es nicht mehr. Das Nervensystem der Betroffenen registriert: Die Umgebung ist nicht sicher. Bedrohung. Überlebensmodus. Die Botschaft an die Rentner – ihr habt falsch gespart, ihr seid eine Last, arbeitet länger – ist in ihrer Struktur eine Demütigung. Und Demütigung ist Bedrohung. Das Nervensystem unterscheidet nicht zwischen physischer Gefahr und sozialer Entwürdigung. Beide aktivieren denselben Mechanismus.
Die Rentnerin, die zwanzig Prozent ihres Lohnes (AG und AN-Beitrag) jahrzehntelang zwangsweise in die Rentenkasse eingezahlt hat, hört jetzt: Du hast versagt. Du bist abhängig. Du bist eine Zumutung für die Allgemeinheit. Das ist Gaslighting auf staatlicher Ebene – die Umdeutung struktureller Entscheidungen, die keine waren, als individuelle Fehler. Und das Aktienargument von Merz ist dabei besonders perfide: Wer keine Wahl hatte, wird für seine erzwungene Wahl bestraft. Strukturelle Coercion wird als persönliches Versagen verbucht. Die Externalisierungsstruktur des Systems – Kosten werden in individuelle Biografien ausgelagert – erscheint als moralisches Urteil.
Was das neurobiologisch bedeutet
Im Überlebensmodus denkt man nicht kollektiv. Man denkt nicht solidarisch. Man denkt: Wie schütze ich mich und die Meinen? Wer nimmt mir weg, was mir zusteht? Wer ist schuld? Empathie – die Fähigkeit, den Schmerz des anderen zu spüren, die Verbindung herzustellen: mein Schmerz und deiner haben dieselbe Ursache – ist neurobiologisch nicht zugänglich. Stattdessen wird der Schmerz des anderen zur Bedrohung. Der andere, der auch leidet, konkurriert um knappe Ressourcen, um Würde, um Anerkennung. Das ist der Übergang vom Stolzparadox – Menschen wählen gegen ihre materiellen Interessen, weil ihre emotionale Erzählung verletzt wurde – zum Sadopopulismus: die lustvolle Unterwerfung unter den Starken, der wenigstens den Feind klar benennt, der den gemeinsamen Schmerz in eine Richtung organisiert.
Hochschild hat das Phänomen beschrieben. Snyder hat die Struktur benannt. Aber beide haben nicht erklärt, warum Argumente nicht durchdringen, warum Fakten nicht helfen, warum die Betroffenen sich nicht überzeugen lassen. Der Nicht-Empathie-Modus ist die neurobiologische Antwort: Das Problem sitzt nicht auf der Ebene der Überzeugung. Es sitzt im Nervensystem. Und wer das Nervensystem in chronischer Bedrohung hält, schaltet die Empathie ab. Systematisch. Nachhaltig. Epigenetisch übertragbar auf die nächste Generation.
Warum Merz für die AfD arbeitet
Das Perverse an dieser Dynamik: sie ist unbeabsichtigt. Merz will keine AfD-Wähler produzieren. Er will einen ausgeglichenen Haushalt. Er denkt in ökonomischen Modellen, in Effizienz, in präfrontalem Kortex. Was er tatsächlich anrichtet, sieht er nicht. Aber die neurobiologische Wirkung seiner Politik ist dieselbe, ob er sie beabsichtigt oder nicht. Politik, die systematisch Bedrohung erzeugt, schaltet systematisch Empathie ab. Und Menschen im Nicht-Empathie-Modus sind nicht nur leichter zu führen – sie sind leichter in die falsche Richtung zu führen.
Die AfD liefert, was das bedrohte Nervensystem braucht: keinen Ausweg, aber einen Feind. Keine Lösung, aber Wut, die eine Richtung bekommt. Keine Heilung, aber das Gefühl, dass der eigene Schmerz endlich benannt und geteilt wird. Merz bereitet das Terrain. Die AfD erntet. Er ist der Landwirt, der nicht weiß, was er sät. Das ist nicht Komplott. Das ist Struktur. Und Struktur ist manchmal gefährlicher als Absicht – weil sie unsichtbar bleibt, weil niemand verantwortlich ist, weil das System einfach weiterläuft.
Warum die SPD nichts merkt
Die SPD ist nicht böswillig. Sie ist kategorial falsch verdrahtet für das Problem, das sie lösen will. Sie denkt in Programmen. In Leistungen, Transfers, Gesetzen, Regelungen. Sie antwortet auf das Nervensystem mit dem präfrontalen Kortex. Sie erklärt Menschen, deren soziales Nervensystem offline ist, warum ihre Politik besser ist. Sie sendet auf der falschen Frequenz. Und sie hat – das ist der tiefere Grund – dieselbe Grundannahme wie Merz: dass Politik auf der Ebene der rationalen Überzeugung funktioniert. Dass informierte Menschen richtig wählen. Dass bessere Argumente bessere Ergebnisse produzieren.
Das ist der Irrtum des präfrontalen Kortex. Der Irrtum, der am Anfang hier beschrieben wird. Die SPD hat die Gewerkschaften geschwächt, die kollektiven Institutionen mitdemontiert, die Orte kollektiver Co-Regulation zerstört – durch die Agenda 2010, durch Hartz IV, durch die Übernahme der neoliberalen Logik. Sie hat damit genau die neurobiologische Infrastruktur abgebaut, auf die sie politisch angewiesen wäre: die Strukturen, in denen das soziale Nervensystem online bleibt, in denen Empathie kollektiv möglich ist, in denen Menschen die Erfahrung machen, dass gemeinsames Handeln Wirkung hat. Sie hat sich die eigene Basis neurobiologisch zerschossen – und wundert sich, dass die Wähler nicht mehr da sind.
Was folgt
Wer die Sicherheit der Menschen zerstört, zerstört ihre Empathie. Und wer ihre Empathie zerstört, zerstört die Grundlage demokratischer Gemeinschaft. Das ist keine Übertreibung. Das ist Neurobiologie als Politikanalyse. Eine Politik, die das ernst nähme, würde nicht fragen: Wie formulieren wir unser Programm besser? Sie würde fragen: Unter welchen Bedingungen können Menschen überhaupt wieder empathisch sein? Was braucht das kollektive Nervensystem, um aus dem Überlebensmodus herauszukommen? Welche Institutionen, welche Sicherheiten, welche Gemeinschaftsstrukturen ermöglichen das soziale Nervensystem – und damit die Empathie – und damit die Demokratie?
Das ist die Frage, die keine Partei stellt. Merz nicht, weil er sie nicht kennt. Die SPD nicht, weil sie glaubt, sie mit Programmen beantwortet zu haben. Und die AfD nicht – weil ihre Antwort darin besteht, die Frage überflüssig zu machen. Wir existieren nicht, unsere Gesellschaft gibt es nicht, um einigen Profit zu ermöglichen. Ihr letzter Grund ist es, ein gutes Leben für alle Mitglieder zu ermöglichen. Wenn sie das nicht mehr ermöglicht, ist sie überflüssig. Aber Abhilfe ist möglich. Siehe Ungarn, siehe Spanien. Und bald werden auch die USA wieder frei sein von diesem Alb.
Literaturhinweis: Stephen Porges, "Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit", G. P. Probst Verlag
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