Zehn Jahre Leben mit Parkinson

Im ersten Jahr nach der Diagnose kam mir auf einem Bürgersteig eine ältere Frau entgegen und herrschte mich an: Guck nicht so böse. Diese Zurechtweisung traf mich hart. Ich erinnere mich noch gut an mein Erstaunen über diese Aggression. Sie erschreckte mich mit ihrem Erschrecken über mein Aussehen. Diese Frau konnte mir nichts anhaben, versuchte ich mich zu beruhigen. Das konnte sie aber sehr wohl. Ich stand starr da wie vom Donner gerührt. Nie wäre ich auf die Idee verfallen, eine Angst machende Ausstrahlung zu haben.

 

 

Es ist vielleicht zwei Jahre her, da hatte ich, während eines Abendessens, das Bedürfnis, einer jungen Frau, der Tochter einer Cousine, zu erklären, warum ich womöglich einen seltsamen Eindruck machte: das sei Parkinson. Sie lächelte mich freundlich, aber verständnislos an: Aber das sieht man doch. Wie war ich auf den Gedanken gekommen, im Großen und Ganzen normal zu wirken? Weil ich mich normal fühlte.

 

 

Ab und zu mache ich ein Selfie, dann fällt mir seit Längerem auf, dass meine Anstrengungen, freundlich zu lächeln, keinerlei Effekt haben. Ich schaue unbewegt und traurig, als seien meine Gesichtszüge eingefroren.

 

Heute bemerkte ich zum ersten Mal meine toten Augen.

 


Reporter: "Mr. Ghandi, what do you think of western civilisation?"

 

Mr. Ghandi: "I think, it would be a good idea."


Sylt vom Zug aus.

Gestrüpp, Wasser, Weite. Sylt.