Aus meinem Archiv. Eine Rezension von 2021
Diese Gebrauchsanweisung für ein Leben mit Parkinson ist voller Sätze, die im Kopf bleiben oder sich irgendwie im Körper festsetzen, wo sie als dumpfes Gefühl weiterwirken. Von dort aus gelangen sie wieder ins Bewusstsein, um mir klarzumachen, was für ein Hammer diese Krankheit ist. Christian Jung bekam die Diagnose Parkinson mit 44 Jahren. Also sehr früh. Und wie fast alle Parkinsonpatienten stand er eines Tages vor der Frage, ob er sich einer Tiefenhirnstimulation unterziehen sollte. Wenn sie gut verläuft, bringt sie einen großen Teil an verloren geglaubter Bewegungsfähigkeit zurück.
Mit der Abgeklärtheit des Biologen und der professionellen Distanz des Wissenschaftsjournalisten schildert der Autor die rund achtstündige Prozedur, bei der dem Patienten der Schädel aufgebohrt wird. Bei vollem Bewusstsein erlebt er, wie ihm Sonden ins Gehirn gelegt werden. Er muss wach bleiben, damit er den Ärzten mitteilen kann, wie sich der Eingriff auswirkt. Eine vielschichtige, lesenswerte Schilderung mit einer Menge wirklich guten Humors.
Operiert wird nur, wer sehr gut auf das Medikament L Dopa reagiert, also einen deutlichen Mangel des Botenstoffs Dopamin erkennen lässt. Um das herauszufinden, werden eine Woche lang alle Medikamente abgesetzt. So erlebte Christian Jung, wie es sich anfühlt, bliebe die Krankheit völlig unbehandelt. Am sechsten Tag kann er sich kaum noch bewegen, liegt zusammengezogen in Embryostellung da. Und dann fällt der Satz. Es ist, als hätte man das Tor zur Hölle geöffnet und einen intensiven Blick hineingeworfen.
Piloten starten durch, wenn sie merken, dass sie eine Crash-Landung hinlegen. Dann besteht Hoffnung auf einen geordneten zweiten Anflug. Das ist die Situation dieses autobiografischer Bericht,
Ratgeber und Wissenschaftsbericht in einem. Auf dem 300 Seiten umfassenden Buch hätte sich der Hinweis Kaufe drei, zahle eins deshalb gut gemacht.
Am nächsten kommt dem Inhalt dieses Werks eine kleine Zeichnung am rechten Rand des Covers: Ein Seiltänzer hält sich auf einer gewellten Linie. Schritt halten, der Versuchung widerstehen zu
fallen oder sich gehen zu lassen: das alles gehört zum Alltag mit dieser Erkrankung des Gehirns. Beeindruckend die Präzision und die emotionale Tiefe, mit der Christian Jung zeigt, wie hartnäckig
im Alltag der Kampf um Normalität geführt wird. Eine Fundgrube für Patienten und die Angehörigen, die dieses Buch ebenfalls mit Gewinn lesen können.
Jeder von uns hat zwei Leben. Und das zweite beginnt, wenn wir merken, wir haben nur eins, erkennt Christian Jung. Sein zweites Leben beginnt nach der erfolgreichen
Tiefenhirnstimulation. Es gelingt ihm, mir den Gedanken an einen solchen Eingriff nahe zu bringen. Und das will etwas heißen. Ein Buch also, das zum Nachdenken und zum Überdenken der eigenen
Umgangsformen mit der Krankheit anregt. Und das dann sogar Hoffnung verbreitet, obwohl die Zahl der Patienten zunimmt. Sie könnten es einmal besser haben, denn die Forschung nach wirksameren
Medikamenten läuft auf Hochtouren. Christian Jung hat ein Standardwerk geschrieben.
Christian Jung, Noch mal durchstarten, dtv premium, 17,90 Euro
Kommentar schreiben