Auf der Suche nach sich selbst

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über den Kampf ums Überleben

 

Was ist anders? Schwer zu sagen. Nein, ganz leicht. Anders ist, dass er ohne die Medikamente nicht einen Tag überleben würde. Er ist krank. Daran geht kein Weg vorbei. Früher nahm er nicht einmal Aspirin, jetzt schluckt er sechs Mal täglich seine Medizin.  
Tut er es nicht, beginnt er zu zittern. Der Kopf verspannt sich vom Nacken her. Im rechten Bein und im rechten Arm beginnt ein Ziehen. Schweiß bricht aus. Der gesamte Körper verspannt sich, der Mund bleibt offen. Schließlich wummert es rhythmisch im Hirn. Wie in einem U-Boot im Tauchgang. Er kennt dieses Geräusch aus Filmen. Wenn es so weit kommt, hat er kein Dopamin mehr im Hirn.  
Er hat sich immer misstrauisch betrachtet. Er glaubte, sich zu kennen. Wer kennt sich schon? Anders ist vielleicht, dass er diesen Beobachtungsposten jetzt manchmal räumt. Das ist auch eine Befreiung. Besser gesagt: es könnte eine sein. Er stand sich oft selbst im Weg. Wenn er jetzt zurücktritt, lässt er allerdings nicht mehr sich, sondern Parkinson den Vortritt. Nicht mehr sich? Was soll das? 
Stimmt. Das ist anders. Parkinson ist kein Fremder. Parkinson ist ein Teil von ihm. Er wird ihn nicht mehr los. Deshalb muss er ihn kennen lernen. Hallo Partner, danke schön. Blöd, nicht wahr? Ja blöd. Er hat die Krankheit nicht gewollt. Wenn er sie annimmt, dann nur, um sie zu bekämpfen. Akzeptieren heißt anerkennen, nicht gut finden.  
Parkinson ist hinterhältig. Ein Kotzbrocken. So hat er die Krankheit mal genannt, am Anfang. Damals dachte er noch, es sei sinnlos zu unterscheiden, ob die Symptome von der Krankheit oder von den Medikamenten herstammten. Er kam ja nicht ohne sie aus. Damals hatte er gedichtet: 

Ich glaube nicht an Gott, 
nicht an den Heiligen Geist, 
noch nicht mal an den Sohn. 
Mein Credo steht im Beipackzettel 
der Pillen gegen Parkinson. 
 
Wenn Parkinson eine Schwäche entdeckt, nutzt er sie und schlägt zu. Parkinson akzeptiert keinen Kompromiss. Er will ihn. Und der Sausack weiß, er sitzt am längeren Hebel. Er dagegen steht auf verlorenem Posten. Das ist für Gesunde so anders nicht. Am Ende verlieren alle das Leben. Aber nicht alle verlieren es vor dem Ende. Das sei, dachte er, ein entscheidender Unterschied. 
Also nicht naiv sein. Aufmerksam sein. Keine Schwäche zeigen. Ich bin nicht mehr allein im Oberstübchen. Parkinson schläft nicht. Er hat mich längst. Und doch glaube ich, mich noch zu haben. Glaube, noch zu wissen, was ich will. Ich bin krank. Aber es gibt mich noch. Das ist doch so? Noch gebe ich die Richtung vor. Alles andere wäre schrecklich. 
Unwillkürlich hatte er in der ersten Person geschrieben. War das ein gutes Zeichen? Oder einfach eine Unaufmerksamkeit, ein Abweichen vom Konzept? Er spürt die Notwendigkeit, das Schreiben in der ersten Person als Beweis nehmen zu wollen. Es gibt ihn noch. Er bin ich. 

 

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