Über das Leben mit Parkinson
Die Krankheit ist wie ein Parasit. Sie befällt dich und saugt dich aus. Als erstes frisst sie Teile deines Charakters. Die Leichtigkeit, die Unbekümmertheit, die Zuversicht. Das trifft es. Wenn ich als Parkinsonkranker das Buch eines Parkinsonkranken lese, suche ich zuerst nach Parallelen. Mich interessiert, wie der Leidensgenosse es schafft, mit der unheilbaren Krankheit zu leben. Wie er die Zeit vor der Diagnose erlebte. Wie sein berufliches und familiäres Umfeld reagiert. Und woher er den Mut nimmt, sich jeden Morgen wieder aus dem Bett zu quälen.
Andreas Große Halbuer war nicht einmal 40 Jahre alt, als er die Diagnose bekam. Immer noch missdeuten Ärzte die Symptome, weil sie glauben, in so jungen Jahren könne es kein Parkinson sein. Ich kenne das Erschrecken darüber, dass der Körper sich selbständig macht, sich verkrampft und Schmerzen bereitet. Auch ich bretterte mit der rechten Schulter gegen Pfeiler und Türpfosten, unfähig, den Abstand abzuschätzen. Interessant auch, was er über seine Stimme schreibt. Er wurde leise, nuschelte, wurde nicht mehr verstanden. Beim Logopäden gelang es ihm, laut und vernehmlich zu artikulieren, im Alltag verlor sich die Fähigkeit wieder. Wenn einem dann niemand erklärt, dass die Parkinson die Ursache ist, könnte man verrückt werden.
Ich las dieses Buch in einem Rutsch. Große Halbuer kann schreiben. Er ist Journalist, da verwundert das nicht. Aber auch für einen Journalisten ist es nicht leicht, sich zu öffnen. Er macht das gut.
Problematisch wird sein Buch, wenn es über den persönlichen Bericht hinausgeht. So differenziert er sein Leiden beschreibt, so populistisch wird er, wenn es um übergeordnete Themen geht. Er verwahrt sich gegen Kritik an der Schulmedizin, ohne wahrzunehmen, wie sie durch die Ökonomisierung den einzelnen Patienten aus dem Blick verliert. Die Medizin wird standardisiert. Das ist ein Grund, warum Patienten Homöopathen aufsuchen.
Recht hat Große Halbuer, wenn er moralisierende Vorwürfe an Patienten zurückweist. Wer Parkinson hat, ist dafür nicht verantwortlich. Aber auch hier sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Ich erlebe manchmal, dass mein Körper nach L-Dopa ruft, ich aber so konzentriert schreibe, dass der Körper Ruhe gibt. Leider ist das äußerst selten, aber mir zeigt es, dass die Vorgänge in meinem Körper höchst komplex sind. Letztendlich ist aber nicht entscheidend, ob ich genug trinke und meine Medikamente regelmäßig nehme. Mir geht es schlecht, weil ich Parkinson habe.
Besonders ärgerlich finde ich die Angriffe auf Impfgegner. Wer sie mehr als ein Jahr nach der Pandemie immer noch als Schwurbler bezeichnet, beweist nur seine Denkfaulheit. Denn es gibt Redebedarf über die gesellschaftlichen Folgen der massenhaften Nötigung und die Verletzung des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit.
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