Schlechte Zeiten für Zugvögel

Über eine Bahnfahrt nach Dresden

Alle Fenster waren geschlossen. Der Herd ausgeschaltet. Den Wohnungsschlüssel trug Bruno um den Hals. Auch an Wasser für die Tabletteneinnahme hatte er gedacht. Im Bahnhof wollte er als Notration einen Hanseaten kaufen. Zu Mittag essen würde er im Zugrestaurant der tschechischen Bahn: Gulasch mit Knödeln, dazu ein Pilsener Bier, das versierte Kellner in bauchigen, dickwandigen Gläsern servierten.

 

Zur Sicherheit nahm Bruno nicht die S-Bahn, sondern ein Taxi zum Hauptbahnhof. Die Fahrerin kannte Dresden. Begeistert erzählte sie von einem Konzert in der Semper Oper. Ihre Professionalität bewies sie mit der Frage nach dem Abfahrgleis. Bruno war sich nicht sicher, ob der Zug auf Gleis acht oder elf losfahren würde. Dann sind wir am Eingang Glockengießerwall auf jeden Fall richtig, schlussfolgerte sie. Als sie Bruno den Koffer hinschob, überlegte Bruno, wann er zuletzt mit einer Frau am Steuer Taxi gefahren war.

 

Auf dem Bahnsteig drängten sich mit Menschen mit riesigen Rollkoffern. Wollten die alle nach Dresden? Zum Glück fühlte sich Bruno stabil. Inzwischen waren es bis zur Abfahrt nur noch wenige Minuten. Da hörte er eine kaum wahrnehmbare Durchsage: Heute von Gleis sechs. Die Menge geriet in Bewegung. Bruno schloss sich an. Zu Fuß die Treppe rauf, gegen den Strom durch eine Menschenmenge, den Koffer im Schlepptau, eine Rolltreppe runter. Schon rauschten die ersten Waggons in die Bahnhofshalle. Als der Zug zum Stehen kam, war es mit Brunos Stabilität vorbei. Zitternd quälte er sich die Stufen hoch. Zum Glück waren es nur wenige Schritte zum Speisewagen. Auch dort herrschte Gedränge. Aber was war das?

 

Aus dem Restaurant war ein Imbiss geworden, mit Bänken statt Stühlen und fest eingebauten Tischen. Die Karte war bunter als früher. Aber die Gerichte wurden nicht mehr auf dem Herd zubereitet, sondern in der Mikrowelle aufgewärmt. Die tschechische Bahn war in der Moderne angekommen. Enttäuscht bestellte Bruno ein alkoholfreies Bier. Die freundliche Kellnerin stellte ihm eine Dose hin.

 

Es hatte keinen Sinn, in der zweiten Klasse einen Platz zu suchen. Aber in der ersten waren noch Sitze frei. Grußlos platzierte er sich gegenüber einem in sein Tablet vertieften Mann, der nicht einmal aufsah. Auf der anderen Seite des Gangs sprach ein Ehepaar über den Roman, den der Mann las. Er hieß 22 Bahnen und handelte von einer Schwimmerin. Die Frau erzählte, der Autorin sei vorgeworfen worden, sich als gut situierte Frau in die Lage einer armen Frau hineinzudenken.

 

Als der Schaffner kam, fragte Bruno, was ein Upgrade in die erste Klasse kostete. Im Zug verkaufen wir keine Fahrkarten, bleiben Sie sitzen. Glück gehabt.

 

Bruno hatte inzwischen nachgedacht und wandte sich an das Ehepaar. Er frage sich, ob man das Seepferdchen erworben haben müsse, um über eine Schwimmerin schreiben zu dürfen. Und was war davon zu halten, dass Helen Mirren Queen Elisabeth darstellte, obwohl sie keine Königin ist? Die beiden verstanden, worauf er hinauswollte. Aber sein Mitteilungsdrang fand noch kein Ende. Man stelle sich vor, ein gesunder Mensch spielte einen Parkinsonkranken. Stünde ihm das zu? Womöglich füllte er die Rolle besser aus als ein Kranker: Ich wüsste nicht, warum mich das kränken sollte. Es sei das Wesen der Schauspielerei, sich in Menschen hineinzudenken, ereiferte sich Bruno. Entscheidend sei, ob der Schauspieler das könne. Die Frau nickte zustimmend. Dann fügte sie nachdenklich hinzu, das alles sei kompliziert. Und Bruno hatte wieder mal den Eindruck, dass es Menschen schwerfiel, ein Urteil zu fällen, selbst wenn sie überzeugende Argumente hatten.

 

Der nächste Schaffner wollte Brunos Fahrkarte sehen. Er hatte sie nur auf seinem Laptop abgespeichert, das er neu erworben und weder mit seinem Smartphone noch mit einem Drucker synchronisiert hatte. Also bat er den Mann gegenüber, der unaufhörlich mal auf dem Tablet, mal auf dem Smartphone surfte, seinen Koffer aus der Ablage zu holen. Der war so nett, konnte sich aber nicht verkneifen, spöttisch auf Brunos umständliche Handhabung modernen Ticketings hinzuweisen, worauf Bruno antwortete, er warte sehnsüchtig auf den Chip, der demnächst allen Mitgliedern zivilisierter Staaten gleich nach der Geburt unter die Haut implantiert werde.

 

Inzwischen stellte sich heraus, dass nicht nur die angekündigte Verspätung wegen Baustellen die einkalkulierte Stunde übersteigen würde, sondern ein Oberleitungsschaden das Verlassen der planmäßigen Strecke erzwang. Bruno hatte sich schon gefragt, warum der Zug langsam durch den Bahnhof Nienburg (Weser) gerollt war. Jetzt schlug die Stunde der Nachrichtenjunkies. In kurzen Abständen informierten sie Freunde und Verwandte über voraussichtliche Ankunftszeiten. In Berlin würde der Zug mit fast dreistündiger Verspätung eintreffen.

 

Bruno wurde inzwischen von Rückenschmerzen geplagt. Ob das allein Reisen mit Parkinson nicht riskant sei, sorgte sich sein Gegenüber. Anstrengend sei es durchaus, antwortete Bruno, aber bisher habe, wenn er um Hilfe bat, niemand gesagt: Bleiben Sie doch zu Hause. Bei seiner letzten Bahnfahrt habe der Zug 13 Stunden von Bozen nach Hamburg gebraucht. Er habe heftige Verspannungen bekämpft, indem er sich auf den Boden legte und die Beine anzog. Dafür fehlte in diesem Zug der Platz. Das wollen wir doch mal sehen, erklärte sein Gegenüber und machte sich auf die Suche nach dem Zugchef, um zu fragen, ob es eine Liege gebe.

 

Bruno verschaffte sich Entspannung, indem er langsam, sich mit den Händen an den Lehnen abstützend, durch die hinteren drei Wagen lief. Eine Durchsage bat Ärzte, in den Wagen 16 zu kommen. Vor den Türen hockten junge Leute, die sich nicht trauten, die leeren Sitze in der ersten Klasse zu besetzen. Bruno schaute hinaus auf riesige gelb leuchtende Rapsfelder, auf denen gewaltige Windräder Ökostrom erzeugten.

 

Er dachte daran, wie er den grünen Politiker Robert Habeck sagen hörte, der Artenschutz müsse hinter dem Klimaschutz zurücktreten. Das massenhafte Sterben der Vögel, die von den Rotoren zerfetzt wurden, war der Preis für das grüne Wachstum. Die Energiewende zielte nicht auf die Bewahrung der Schöpfung, wie Bruno angenommen hatte, sondern auf die Sicherung des Wirtschaftswachstums, das die Digitalisierung aller Lebensbereiche versprach. 

 

Wie schön Monokulturen aussehen können, dachte Bruno. Während er noch über die Verwandlung von Landschaft in Gegend sinnierte, umringten ihn sechs Personen, die sich nach seinem Befinden erkundigten. Es waren Ärzte, die der Zugchef alarmierte, als er nach einer Liege gefragt wurde. Bruno fand die Aktion übergriffig, zugleich war er gerührt. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich kenne meine Krankheit. Ich komme ohne Ihre Hilfe zurecht, wehrte er sich gegen die Mediziner, bis sie ihm glaubten und schließlich von ihm abließen.

 

In Berlin stiegen die meisten Fahrgäste aus. Bruno überlegte, auf Kosten der Bahn im Hotel zu übernachten, verwarf den Gedanken aber, als er an den Betrieb vor dem Info-Point der Bahn dachte. Er fühlte sich fit genug, um die anderthalb Stunden bis Dresden im Speisewagen zu verbringen. Der Palatschinka mit Schokolade schmeckte so wie früher.

 

Schneller als erwartet sichtete Bruno die Weingärten am Elbufer. Nun war Dresden nicht mehr weit. 1979 war Bruno zum ersten Mal dort. Er erinnerte sich an die Ruine der Frauenkirche im grauen Dunst, der über Straßen und Plätzen hing. Viel später übernachtete er mit seiner Frau Anno in Dresden, wenn sie auf dem Weg zur Schuh-Genossenschaft GEA im österreichischen Waldviertel waren. Aber das ist eine andere Geschichte.

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