Ein Fortsetzungsroman
Sie würden nicht alt werden. So viel stand fest. Zumindest für Franz. Nein, kein Zweifel: auch für seinen Freund Max. Die Beiden kannten sich, seitdem sie der sechsten Klasse nebeneinander in einer Bank gesessen hatten, als Gymnasiasten irgendwo im Ruhrgebiet.
Jetzt bewegten sie sich am Rand eines frisch gepflügten Ackers einen leicht ansteigenden Hügel hinauf. Franz war für ein paar Tage aus Hamburg gekommen, wo sie an der Universität eingeschrieben
waren und in einer Wohngemeinschaft mit anderen Studenten zusammenlebten. Max bereitete sich mit einem Sprachkurs in einem dänischen Landvolksschulheim auf ein Praktikum bei einer dänischen
Zeitung vor.
Die Landschaft war anmutig, aber auf Franz wirkte sie einen Tick zu aufgeräumt. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn die riesigen Erntemaschinen, die er bei der Anreise vom Zug aus beobachtete, Mohrrüben, Zwiebeln und Kartoffeln bereits gereinigt und in Plastiksäcke verpackt aus dem schweren Boden gewuchtet und schließlich auf die überbordenden Verkaufstresen in den Supermärkten geschüttet hätten.
Wie so oft sprachen sie über ihre Väter. Franz hatte das Sterben seines Vaters aus nächster Nähe erlebt. Der Vater mobilisierte an seinen letzten Tagen ungeahnte Kräfte. Unentwegt versuchte er,
aufzustehen. Franz hielt ihn fest und rang ihn regelrecht nieder. Sein Vater wurde nur 61 Jahre alt. Als er endlich sein Leben aushauchte, war Franz erleichtert und schämte sich dafür.
Max´ Vater litt an Parkinson. Franz hatte ihn nur einmal gesehen und erinnerte sich an die lebendigen Augen des gebrechlich wirkenden Mannes. Beide Väter hatten den Krieg als Erwachsene
mitgemacht. Beiden blieb die Gefangenschaft in Russland erspart. Beide verschwiegen ihre Taten, das Erlebte, das Erlittene. Die Jungen bohrten nicht nach. Was sollte die Anklage von
Kriegsverbrechen, wenn der Krieg selbst ein Verbrechen war?
Am Horizont erstreckte sich ein Wald. Franz meinte eine Gruppe von Reitern, mit Lanzen, Schwertern und Schilden bewaffnet, auf die Lichtung hinaus treten zu sehen. So muss es im 30-jährigen Krieg
gewesen sein, wenn die Bauern von der Feldarbeit aufsahen und sich von jetzt auf gleich mitten im Krieg befanden, überlegte Franz. Sie wussten nicht, ob ihnen die Ritter nach dem Leben
trachteten, ob sie nur Lebensmittel plündern wollen oder ob sie unverrichteter Dinge wieder im Wald verschwinden würden.
So mussten sich die Russen gefühlt haben, wenn ihnen deutsche Soldaten begegneten. Wer die Uniform trug, verkörperte das Dritte Reich. Er hatte - gewollt oder ungewollt - das Recht, über Leben
und Tod zu entscheiden. Die Deutschen sahen in den Menschen des Ostens geborene Knechte, die zu erschlagen kein Verbrechen war.
Frieden sei zu allen Zeiten prekär gewesen, gab Max zu bedenken. Ruhige Zeiten seien ein Trugbild, ebenso wie die Vorstellung einer unberührten Natur. Damit sprach er an, was beide unentwegt
beschäftigte. Kurz zuvor hatte eine Explosion in einem weißrussischen Atommeiler Landschaften und Städte auf der Nordhalbkugel der Erde radioaktiv verseucht. Von dieser Gefahr gab es kein
Entkommen, zumal den Menschen ein Organ fehlte, das sie auf die Gefährdung aufmerksam machen konnte.
Max erzählte, die Samen in Norwegen, Menschen, die im Einklang mit der Natur lebten, hätten ihre Rentiere schlachten müssen, weil die Tiere verstrahlt waren. Der Polarkreis galt bis dahin als einer der letzten unberührten Gegenden der Welt. Wir brauchen, dozierte Max, um leben zu können, die Existenz solcher Orte, die unerreichbar und unzerstörbar erscheinen. Max ließ sich nicht erschüttern. Seinen Traum vom Leben in Skandinavien ließ er sich nicht kaputtmachen. Franz geriet dagegen immer mehr aus der Spur. Wie sollte er eine bürgerliche Existenz anstreben, wenn die Welt vor die Hunde ging?
Drei Jahre später fiel die Mauer in Berlin. Die Freunde saßen in der Küche der Zweizimmerwohnung, die Max angemietet hatte und sahen in der Tagesschau, wie sich Westler und Ostler,
Wahnsinn brüllend, in den Armen lagen. Damals arbeiteten die beiden im Ruhrgebiet. Die schwarz-rot-goldenen Flaggen, der Sekt, die Ausgelassenheit, die Freude über die unverhoffte
Grenzöffnung war ihnen fremd und unheimlich. Sie verfolgten die Ereignisse, als geschähen sie auf einem fremden Planeten. Die deutsche Einheit sei etwas für rechte Spinner, glaubten sie damals:
Wir finden Deutschland so gut, dass wir gern zwei davon hätten.
Keine drei Wochen später stand Franz mit seinem Leihwagen in der Schlange an der Grenze zur DDR. Um ihn herum, meist allein in schweren Karossen, die neuen Chefs der DDR, die nach dem Wochenende
bei ihren Familien, in ihren Einfamilienhäusern, Lofts und Villen, ausgeruht und tatendurstig im Osten einfielen, um sich die gescheiterte sozialistische Gesellschaft untertan zu machen. Die Welt
gehörte nun ihnen. Den DDR-Bürgern blieb die Freiheit, als Touristen noch die entferntesten Winkel der Welt niedertrampeln zu dürfen.
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