Parkinson. Eine Abrechnung

 

In meinem Oberstübchen macht sich ein ungebetener Dauergast breit. Ein Kotzbrocken, der sich aufs Sofa fläzt, die beschuhten Füße auf die Tischplatte legt, Kippen auf den Teppichboden schnippst und nicht aufhört, mir Vorschriften zu machen. Jeden anderen hätte ich längst rausgeschmissen. Stattdessen sehe ich den Tag kommen, an dem der Drecksack mir die Tür weist.

 

Als ich die Diagnose Parkinson bekam, war ich 57 Jahre alt. Sechs Jahre lang hatten mich Schmerzen, Missempfindungen, Ängste und Depressionen gequält. Weder mein Hausarzt noch Fachärzte verschiedener Disziplinen, weder Physio- noch Psychotherapeuten erkannten, woran ich litt. Falls ich einmal sterben müsste, unkte ich damals, dann an einer eingebildeten Krankheit.

 

Wer sich im Internet über Parkinson informiert, stößt unweigerlich auf den Hinweis: An Parkinson stirbt man nicht. Ein schwacher Trost, fand ich anfangs. Im Laufe der Zeit wurde mir klar: die Aussicht, irgendwann an Parkinson sterben zu müssen, beunruhigte mich nicht. Mich beunruhigt viel mehr die Drohung, bis dahin mit Parkinson leben zu müssen.

 

Erstaunlich viele Menschen, vor allem solche, die in der Alten- und Krankenpflege arbeiten, versuchen meine Frage, was besser sei, Alzheimer oder Parkinson, ernsthaft zu beantworten. Die meisten sagen nach einiger Überlegung, Alzheimer sei besser. Warum, weiß ich nicht mehr. Aber ich habe Angst, sie könnten recht behalten.

Lerne lachen, um nicht zu weinen

Was Ottfried Fischer und seine Frau mich lehrten

 

 

Als Ottfried Fischer Nachfolger von Ulrich Wickert als Präsident der Parkinsonstiftung werden sollte, las er ein Infoblatt über die Krankheit und fiel aus allen Wolken: „Diese Krankheit habe ich.“ Parkinson schleicht sich unbemerkt ins Leben, setzt sich dort fest und geht nicht mehr weg. In der Reihe „Lebenslinien“ des Bayrischen Rundfunks portraitiert Manuela Ruppert den Schauspieler und Kabarettisten, der 2008, 55-jährig, seine Parkinson-Erkrankung öffentlich machte.

 

„Den Menschen gefällt es, wenn man gegen sein Schicksal angeht. Aber die Aufträge bleiben aus.“ Fischers sarkastischer Humor spricht mich an. Ich weiß noch, wie ich auf der Terrasse eines Allgäuer Hotels sitzend - mit frischer Diagnose - ein Interview mit ihm in der Süddeutschen Zeitung las. Ich hatte gerade meine Werkstatt für Satz- und Möbelbau „möbel & texte“ gegründet. Nicht aufgeben: du hast keine Chance, nutze sie. Diese Haltung habe ich mir von dem schwergewichtigen Bayern abgeschaut.

 

Parkinson zwingt zur Langsamkeit. Der Geist ist unverändert aktiv, aber die Umsetzung dessen, was man noch will, gelingt nicht mehr. Ob das eine Radtour ist oder eine berufliche Herausforderung. Alles braucht mehr Zeit. Das ist schwer zu akzeptieren. Ich schrieb eine Zeit lang, als ginge es um mein Leben (es ging um nichts anderes). Seit zwei Jahren muss ich zunehmend mehr Zugeständnisse an Parkinson machen. Dann sitze ich einfach rum und sinniere vor mich hin. Dabei falle ich schon mal vom Stuhl.

 

Ottfried Fischer singt gegen den Verlust der Stimme an. Ungeschützt setzt er sich der Kamera aus. So beginnt das Feature. Wenn man sieht, wieviel Kraft ihm das Singen abverlangt, wie tapfer er durchhält: das ist rührend und ruft Bewunderung hervor. Ottfried Fischer ist Profi - mit und ohne Parkinson.

 

Seine Ehefrau ist ständig um ihn. Gut, wie sie das macht. Sie lässt durchblicken, wie hart der Alltag sein kann. Wie sehr sie kämpfen muss, um nicht unterzugehen. Wie abhängig sie von professioneller Unterstützung ist. Ohne Liebe wäre diese Fürsorge nicht möglich, sagt sie. Sie hat Recht. Ich weiß es aus Erfahrung.

Wie alles anfing

2005 spüre ich erstmals leichte Schmerzen im rechten Arm. In sechs Jahren häufen sich die Leiden. Die Ärzte finden nichts. Ich mache berufliche Fehler, verstehe mich selbst nicht mehr. 2011: Rien ne va plus. Ich steige aus, beginne eine Tischlerlehre. 2013: Gesellenbrief und die Diagnose Parkinson. Zurück auf dem Boden der Tatsachen.

 

 

 

 

2014 gründe ich möbel & texte, die Werkstatt für Satz- und Möbelbau in Hamburg Altona. In 40 Jahren war ich Dozent für die Diakonie, Journalist beim NDR- Fernsehen und Pressereferent. Die letzten sechs Jahre, die ich Parkinson abtrotzte, waren ein Geschenk. Dafür danke ich meinen Kunden. Ich war mit Leib und Seele Schreibtischler.

 

Manch einer nimmt die Herausforderung an, wird gleich Parkinson-Experte in eigener Sache. Ich wollte nach der Diagnose vor allem Normalität; schob das Kranksein auf. Und siehe da: Parkinson ließ mir eine Galgenfrist. Inzwischen erlebe ich, was Helmut Dubiel meinte, als er schrieb: Parkinson hat man nicht, er hat einen.

 

 

 

 

Kranke stolpern über Hindernisse, die Gesunde nicht einmal wahrnehmen. Wenn sie die Behinderung als Erweiterung ihrer Perspektive begreifen, können sie sich behaupten - listig und jederzeit bereit, lästig zu werden.

 

Wer die Welt gebeugt durchquert, sieht erst spät, was auf ihn zukommt. Er verlässt sich auf die Weitsicht und die Rücksichtnahme der aufrecht Gehenden. Kein Problem: die meisten Menschen sind entgegenkommend.

 

Spät, aber nicht zu spät, kam ich auf Bazon Brock: Hinter jedem gelösten Problem tun sich zwei neue auf. Innerlich kerzengrade verteidige ich Artikel eins des Grundgesetzes. Wohl wissend: die Würde des Menschen ist antastbar.