Welch ein Illtum

 

Über die Velwechserung von Rinks und Lechts.

 

 

Obwohl die Pandemie weitgehend ausgestanden ist, stellt sich kein Happy End ein: die Verhinderung der allgemeinen Corona-Impfpflicht und somit der Sieg der Individualverantwortung wurde um den Preis errungen, den Freiheitsbegriff einem rechten Milieu zu überlassen, das sich klassischerweise im Schoß autoritärer Gesellschaftsverpflichtungen wohlfühlt.                                                                        

Florian Eichel, Angriff auf die Freiheit, DIE ZEIT, 10. 11. 2022, Seite 55

 

Wer die Grundrechte verteidigt, ist nicht notwendig ein Linker. Wer sie nicht verteidigt, ist jedenfalls kein Linker. Liberale und Linke haben während der Pandemie nicht nur den Freiheitsbegriff aufgegeben. Sie haben Freiheit bekämpft, indem sie Grundrechte kassierten. Und sie haben Menschen, die sich um ihre Gesundheit und um die Gesundheit der Bevölkerung sorgten, als Covid-Idioten beschimpft und ausgegrenzt.

 

Journalisten und Wissenschaftler, die wie Florian Eichel glauben, sie seien links und liberal, gleich was sie denken und tun, haben – auch in der ZEIT – Debatten angezettelt, die nur ein Ziel hatten: die Bekehrung der Impf-Skeptiker.  

 

Der Staat bekam die Chance, Muskeln zu zeigen. Er nutzte sie. Vielen Linken gefiel das. Statt die Verantwortung zu dezentralisieren und jede Einrichtung ihre Schutzmaßnahmen entwickeln zu lassen, setzte der Staat auf Worst Case-Denken, auf Angstmache, auf China light.

 

Jeder Tote ist einer zu viel. Der Slogan formuliert eine Selbstverständlichkeit. Allerdings weckt er falsche Erwartungen: er legt nahe, jeder Todesfall lasse sich verhindern. In der aufgeheizten Atmosphäre wäre jemand, der zugegeben hätte: Wir tun das Mögliche, um Todesfälle zu verhindern, angegriffen worden, die Ängste der Menschen nicht ernst zu nehmen. 

 

Die Pandemie brachte zum Vorschein, was unter der dünnen Schicht der Rechtstaatlichkeit lauert. Plötzlich schien es einleuchtend, im Gesundheitswesen das Schuldprinzip gelten zu lassen. Wer sich nicht impfen ließ, sollte selbst für die Behandlung seiner Leiden aufkommen. Besorgte Bürger gingen von Tür zu Tür und denunzierten Nicht-Geimpfte. Sie seien verantwortlich für den Tod Unschuldiger, hieß es.

 

In ihrer Angst stilisierten sich die Nicht-Erkrankten zu Überlebenden. Eine peinliche Maßlosigkeit. Bei 155.000 an oder neben Corona Verstorbenen in mehr als zweieinhalb Jahren dürften die meisten Familien keine Opfer zu beklagen haben. Der Corona-Tote, den ich kenne, hätte vielleicht gerettet werden können, wenn seine Ärzte ihn zu Hause behandelt hätten. Dazu fehlte ihnen der Mut.

 

Die Pandemie ist im Übrigen keineswegs ausgestanden. Noch ist offen, welche medizinischen Folgen die Impfkampagne hat. Nach wie vor rätselhaft ist die Entwicklung von Long Covid. Die sozialen Verheerungen der Pandemie-Politik werden bereits sichtbar. Der Kampf gegen die Pandemie hätte die Stunde der Individualverantwortung werden können, hätte man die Seuchenbekämpfung subsidiär organisiert. Die Wohlfahrtsverbände hätten sich dafür einsetzen müssen, aber sie schwiegen, ordneten sich unter und ließen ihre Klientel mehr oder weniger allein.

 

Es war (und ist) keine gute Erfahrung, von der verängstigten Mehrheit zum Sündenbock gekürt zu werden. Der Streit, was und wer links sei, interessiert mich nicht. Ich habe kein Bedürfnis, einer Linken anzugehören, die mich zum Nazi stempelt.

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