Falsch verstandene Radikalität

 

 

Anmerkungen zu dem Beitrag „In der Schwebe“ in der ZEIT vom 3. November 2022

 

 

Welche Idioten machen so etwas? Wer beschmiert ein Bild von Vincent van Gogh mit Tomatensuppe? Haben wir es mit dem Vandalismus von Geistesgestörten zu tun? So oder ähnlich reagierten Menschen in meinem Umfeld auf den Anschlag gegen das Gemälde Sonnenblumen.

 

Die Täter wollen die Klimakatastrophe abwenden. Sie wollen die Menschheit aufrütteln, wollen zeigen, dass es fünf vor zwölf ist. Haben Sie anderes erwartet als Entsetzen? Kritikern halten sie entgegen, die Beschädigung eines Bildes sei nichts gegen die Zerstörung der Welt. Das ist nicht falsch. Aber um die Ecke gedacht.

 

Joseph Beuys schmolz einmal eine historische Krone ein und formte den Goldklumpen zu einem Hasen. Eine radikale Aktion, die weit über die Kunstszene Menschen in Wallung brachte. Beys stellte das Auratische in der Kunst in Frage. Das verstanden viele Menschen nicht. Noch weniger hätten sie es verstanden, wenn Beuys erklärt hätte, seine Aktion sei ein Beitrag zur Rettung der Welt. Er hätte sich die Frage gefallen lassen müssen, was ein Goldklumpen mit dem Klimawandel zu tun hat.

 

Was hat Tomatensauce auf einem Gemälde mit der Klimakatastrophe zu tun? Nichts. Es geht den Aktivisten einzig um Aufmerksamkeit. Ihre Aktion soll ihre Botschaft transportieren. Sie unterliegen dem Wahn, jede Tat sei angesichts der Katastrophe erlaubt. Das ist falsch.

 

Die im 20. Jahrhundert gemachten Erfahrungen von Friedens- und Umweltbewegungen sind weitgehend verloren gegangen. Sie besagen:

Direkte Gewaltfreie Aktionen müssen konstruktiv sein. Sie müssen das Ziel des Protests deutlich machen. Das Zeichen, das sie öffentlich setzen, muss selbsterklärend sein. Menschen, die in einem Waldstück campieren, um den Braunkohleabbau zu verhindern, handeln in diesem Sinne konsequent. Diese Aktion hat eine innere Logik. Sie kann Menschen vom Wert des Waldes überzeugen.

 

In diesem Herbst protestieren vor allem in Ostdeutschland Tausende gegen Krieg und Inflation. Sie folgen keiner Einsicht, sondern einer Tradition. Man könnte auch sagen: sie handeln reflexhaft. Wer nicht einverstanden ist, geht auf die Straße. Das macht man so. Die Unzufriedenen skandieren ihren Unmut und brüllen ihre Wut hinaus. Was passiert, wenn sie keinen Erfolg haben? Dann ketten sie sich vor dem Arbeitsamt an. Oder drohen mit Hungerstreik. Sie blockieren Autobahnen. Sie radikalisieren sich, indem sie Kunstwerke zerstören sich an die Museumswand kleben – hilfloser Aktionismus. Sie sind verstört. Sie verstören.

 

Aktionen des Zivilen Ungehorsams müssen, wenn sie wirksam sein wollen, etwas von dem enthalten, was die Aktivisten erreichen wollen. Manchmal müssen sie Gesetze übertreten. Aber nicht wahllos, sondern radikal: das heißt, an die Wurzeln des Konflikts gehend. Als Mahatma Gandhi am Strand des Arabischen Meeres ein paar Salzkörner aufhob, war das mehr als eine Demonstration. Er brach symbolisch ein Gesetz, das Indern die Salzgewinnung verbot. Seine Anhänger folgten seinem Vorbild und machten einen Schritt in Richtung der indischen Unabhängigkeit. Der Weg ist das Ziel. Von dieser Erkenntnis Gandhis sind die Klima-Aktivisten und die Herbstmarschierer weit entfernt.

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