Desertiert! Was sonst.

 

Wohin kämen wir, wenn das alle machten?

 

Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Wie romantisch die Friedensbewegung vor vierzig Jahren war. Es ist Krieg? Da bleiben wir zu Hause. Sollen die da oben doch sehen, wie sie ihre Reihen vollkriegen.

 

In Russland und in der Ukraine erfahren junge Männer jetzt, was es bedeutet, zum Kämpfen gezwungen zu werden. Auf beiden Seiten der Front gilt Desertion als Verbrechen. Staaten erlauben es ihren Bürgern nicht, sich dem Dienst fürs Vaterland zu entziehen. In Deutschland darf der Dienst an der Waffe verweigert werden. Immerhin.

 

Neulich zog ein kleiner Demonstrationszug durch Hamburg Ottensen. Ein breites Bündnis von Organisationen aus dem linken Spektrum – ich wusste nicht, dass die DKP noch existiert – forderte Friedensverhandlungen. Auf der Ottensener Hauptstraße trafen sie auf Demonstranten mit ukrainischen Flaggen: für Waffenlieferungen in die Ukraine. Als die Friedensfreunde an ihnen vorbeiliefen, skandierten sie ihre Parolen noch lauter. Gespräche, Fehlanzeige.  

 

Während wir uns vormachen, es werde vielleicht doch nicht so schlimm, liefert Deutschland Waffen und verlegt Truppen an die russische Grenze. Hier, im westlichen Hinterland, herrscht trügerische Ruhe. Putins Drohung mit Atomwaffen ist moralisch haltlos. Aber ernst zu nehmen.

 

Mich erstaunt der Bedarf an Kämpfern. Im hochtechnisierten Krieg seien Spezialisten gefragt, dachte ich. Ein Irrtum, wie sich jetzt in der Ukraine zeigt. Auch der moderne Krieg braucht Kanonenfutter. Nach Angaben des britischen Geheimdienstes sind 25.000 russische Soldaten gefallen; die Regierung der Ukraine gibt 9.000 tote Soldaten zu.

 

Deserteure handeln auf eigene Faust. Was sie tun, gilt unter normalen Umständen als alltäglich: Sie sorgen sich um ihr Leben. Jetzt müssen sie sich vorwerfen lassen, Egoisten zu sein. Was wäre, wenn das alle täten? Kann eine Gesellschaft funktionieren, wenn jeder zuerst an sich denkt?

 

Krieger finden kein Ende. Sie neigen zur Vorwärtsverteidigung. Die ukrainische Führung träumt vom Sieg über Putin, Russland soll in die Knie gezwungen werden. Die Masse läuft mit. Desertion kann zum letzten Mittel werden, um vor sich zu bestehen. Feige sind Deserteure nicht. Es erfordert Mut, stehen zu bleiben, wenn alles nach vorne stürmt. Es erfordert Mut, Demokratie und Mitbestimmung zu fordern, wenn die Gesellschaft zur Gemeinschaft mutiert. Wenn der Zeitgeist Gehorsam fordert.

 

In Deutschland widerrufen ehemalige Kriegsdienstverweigerer ihre damalige Entscheidung. Sie sind in der Regel über 60 und würden nicht mehr eingezogen. Muss man sie ernst nehmen? Wissen diejenigen, die fordern, die Deutschen müssten sich die Hände schmutzig machen, wovon sie reden? Krieg zu führen, bedeute Verantwortung zu übernehmen. Ach was… phantasieloses, unverantwortliches Gerede.

 

Nicht alle Motive zur Desertion sind ehrenhaft. Hier ließe sich, wie fast überall sagen: etwas Schwund ist immer. Wichtiger finde ich, an das zu erinnern, was sich von Deserteuren lernen lässt. Sie sagen nein, selbst wenn alle ja sagen. Damit tragen sie dazu bei, dass Frieden denkbar bleibt.

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