Die Message der Massage

 

Über öffentlich-rechtliche Quälereien.

 

Neulich las ich das Interview, das die ZEIT mit Patricia Schlesinger geführt hatte. Die ehemalige Intendantin des Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) erhielt rund 300.000 Euro im Jahr. Sie habe nicht so viel gefordert, betont Frau Schlesinger. Das Gehalt wurde ihr angeboten: „Ob die Gehaltsstruktur der öffentlich-rechtlichen Sender insgesamt angemessen ist, müssen andere beurteilen.“

 

Wieso kann sie das nicht selbst? Sie muss nur sehen, was die Redaktionen den Freien anbieten. Die meisten Macher des Programms können von ihren Honoraren keine bürgerliche Existenz finanzieren.

 

Als ich beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) mit einer Redakteurin um eine angemessene Bezahlung stritt, bekam ich zu hören, „draußen“ gebe es genug Journalisten, die bereit wären, für diese Summe zu arbeiten.

 

Sie hatte recht. Viele, wenn nicht die meisten, freien Kolleginnen und Kollegen trauen sich nicht, eine angemessene Bezahlung zu verlangen. Selbst schuld. Mutlose Journalisten machen ein mutloses Programm. Es lässt sich täglich besichtigen.

 

Ich nehme an, Frau Schlesinger wusste schon als Journalistin, was ihre Arbeit wert war. Sie war eine gute Journalistin. Als Intendantin war sie fehl am Platz. Sie hätte wissen können, dass ein gebührenfinanzierter Sender ihr enormes Gehalt nicht zahlen kann, ohne seinen Auftrag zu gefährden. Das Geld für die Führungskräfte fehlt den Programmmachern.

 

Die NDR-Sendung ZAPP recherchiert zu den bekanntgewordenen Skandalen im Sender. Soweit ich es im Internet sehen kann, klammerte sie bisher die Honorare aus, die im NDR ebenso übermäßig sind wie in anderen ARD-Anstalten. So wird das nichts mit der lückenlosen Aufklärung und dem Ziehen von Konsequenzen. Vielleicht ist der Moment für eine Palastrevolution schon wieder vorbei. So leicht kippen die öffentlich-rechtlichen Chefs nicht aus ihren Massagesesseln.

 

Ein Thema bei ZAPP war product placement im Hamburg Journal. Beschämend, was die Redaktion durchwinkte in dem Glauben, die Funkhauschefin wünsche es so. Jetzt beklagen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein „Klima der Angst“. Die Klimakatastrophe wird wohl anhalten. Denn auch nach dem Rückzug der Chefin traut sich niemand vor die Kamera. Journalisten, die sich verstecken, geben ein trauriges Bild ab.

 

Ein Nachruf für einen leitenden Redakteur verrät ungewollt etwas über den Zustand des NDR. Der zweiminütige Beitrag besteht ausschließlich aus Archivmaterial. Meist zeigt es den Verstorbenen auf seinem Balkon in der Bürgerschaft, im Hintergrund der Plenarsaal. Er redet und und redet und wird gnadenlos übertextet. Als solle er posthum mundtot gemacht werden.

 

Neben der klischeehaften Würdigung ("liebevoller Kollege mit Ecken und Kanten") fällt vor allem das Schweigen der Kolleginnen und Kollegen auf. Kein Bild aus der Redaktion. Kein kollegiales Wort der Anerkennung. Auch die sonst so agil ins Programm eingreifende Funkhauschefin wusste anscheinend nicht, was sich gehört. Gab es niemanden, der ein gutes Wort über den Verstorbenen hätte sagen können? Was ist das für ein Niveau, menschlich und journalistisch?

 

Einen solchen Nachruf verdienen nicht einmal die öffentlich-rechtlichen Medien, wenn demnächst ihre Suizidversuche Erfolg zeitigen.

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Offenlegung: Von 1992 bis 2007 arbeitete ich für das Hamburg Journal des NDR.

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