Komplexes Hirngeschehen

 

Über einen neuen Parkinsonfilm.

 

Die am 22. September auf 3Sat ausgestrahlte Wissenschaftsdokumentation mit dem sachlichen Titel „Neue Therapien gegen Parkinson“ beginnt mit einer Szene, die mich unweigerlich in ihren Bann zieht. In einem abgedunkelten Raum tanzt ein Paar Tango. Ruhig, vertraut, aufeinander achtend. Starke Bilder. Fast eine Minute lang folgt eine diskrete Kamera den Tanzenden. Ich bin bereits zu Tränen gerührt. 

 

Leider vertraut die Autorin nicht auf die Kraft dieser Szene. Sie legt ihren Text über das Bild. So ist es nun mal im Fernsehen. Das nur nebenbei.

 

Auch der Protagonist hat seinen Anteil am Gelingen dieses Films. Der 57-jährige Jurist lebt bereits seit zehn Jahren mit der Schüttellähmung. Er lässt gerade so viel Einblicke in seinen Alltag zu, wie nötig sind, um zu vermitteln, was für eine Scheiße das Leben mit Parkinson ist.

 

Morbus Parkinson ist eine Schädigung des Gehirns. Mit 400.000 Betroffenen in Deutschland die zweithäufigste nach Alzheimer mit 1,6 Millionen Kranken. Das Hirn produziert kein Dopamin. Diesen Botenstoff benötigen die Gehirnzellen, um Bewegungen zu koordinieren. Was da in meinem Schädel nicht mehr abgeht, ist hochkompliziert. Mehr muss ich nicht wissen. Die Animationen helfen mir nicht, die Vorgänge zu begreifen. Ich möchte ja kein Neurologe werden.

 

Die Autorin wird das anders sehen. Sie ist froh über jedes Bild, auf das sie die Forschung texten kann. Wer will schon die „Mausmodelle“ in den Labors sehen? Bilder von Tierversuchen verstören vielfach und rufen Tierschützer auf den Plan. Wie weit kann und darf die Forschung gehen, die mir helfen kann und schon hilft, ein – trotz allem – lebenswertes Leben zu führen? Wann ist eine ethische Grenze erreicht, die nicht überschritten werden darf?

 

Neurologen hoffen auf Stammzellen. Wann die Grundlagenforschung Früchte tragen wird, steht in den Sternen. Ich werde sie mit Sicherheit nicht mehr ernten. Aber ich kann die Faszination nachvollziehen. Die ethischen Grenzen werden mit den absehbaren Erfolgen elastischer werden. Entscheidend ist dabei nicht nur die Frage, ob bzw. ab wann menschliche Zellen eine unantastbare Würde haben.

Auch die Kranken entscheiden mit, indem sie sich mit ihrer Lebensqualität und mit dem – wegen ihrer Krankheit viel zu frühen – Ende ihres Lebens auseinandersetzen. Was bin ich bereit zu akzeptieren, damit mir geholfen werden kann? Will ich die Züchtung menschlicher „Ersatzteillager“?

 

Ich habe Mitleid mit Labormäusen. Sie haben es schwer, damit ich es leichter habe. Dieses ethische Opfer bringe ich, obwohl ich weiß, dass Tiere keine Sachen sind. Die Stammzellenforschung lehne ich längst nicht mehr so felsenfest ab wie früher. Was vor allem zeigt: Nicht nur Hirnforschung ist komplex.  

 

Und die Tangoszene? Sie verweist auf die Vielfältigkeit neuer Forschungsansätze. Untersuchungen belegen die positiven Auswirkungen regelmäßigen Trainings. Körperliche Aktivitäten wie Tanzen, Boxen oder Tischtennis aktivieren das Muskelgedächtnis und verlangsamen den Verfallsprozess. Ich bin dann mal weg - in der Turnhalle.

 

Die 45-minütige Fassung dieser Wissenschaftsdokumentation ist in der 3Sat Mediathek zu sehen. Eine acht Minuten längere Fassung ist in der arte Mediathek abrufbar.

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