Selbst in schuld

 

Anekdotisches aus dem Leben mit Parkinson.

 

Meinen Arzt habe ich schon lange nicht gesehen. Haben Sie inzwischen Corona gekriegt?  Ich erzähle von zwei unangenehmen Tagen, an denen ich mit  dem Virus kämpfte. Er hatte mich gewarnt. Nicht nur das. Er hatte mir Angst gemacht. Ich müsse mich impfen lassen. Sonst könnte ich sterben. Zumindest würde ich lange auf der Intensivstation liegen. Jetzt sagt er nichts. Es hätte mich gefreut, wenn er sich mit mir gefreut hätte.

Habe ich Glück gehabt? Nein, ich habe das Risiko anhand der Statistik realistisch abgeschätzt. Wäre es schiefgegangen, hätte ich Pech gehabt.

 

Beim Intelligenztest schneide ich gut ab. Ich ertappte mich bei einer Anwandlung von Stolz, als ich in einer Minute 28 Worte mit F aufsagen konnte. Elf hätten gereicht. Auch die Uhr male ich zügig und zeichne den Zeigerstand von fünf nach vier korrekt ein. Jetzt fehlt nur noch die Frage nach dem heutigen Datum. Die gehört auch zum Alzheimertest. Da kommt sie schon…

 

Manchmal meint es das Leben richtig gut mit mir. In den Sommerferien saß ich bei prächtigem Wetter  in einer Beach Bar in der Schweiz. Umgeben von durchlöcherten und bis zum Gipfel bewirtschafteten Dreieinhalbtausendern glitzerte der Urner See. Dezent mitwippend genoss ich sogar die Reggae-Klänge, die wirklich nicht für weiße alte Männer gemacht sind und nippte an der handwarmen Cola. Für einen Moment störte mich nichts. Dann nahm ich sie wieder wahr, die Glasscheibe, die mich umgibt.

 

Ich sollte die Nahrungsergänzungsstoffe einnehmen. Mehr trinken. Über den Tag verteilt essen. Mein Yoga nicht vergessen. Auch mal rausgehen. Kein Wunder, dass ich in die Off-Phasen falle, in denen ich unkontrolliert zittere, oft stundenlang. Selbst in schuld.

 

Zur untersten Schublade

 

Zum vorherigen Text

 

Zum nächsten Text

Kommentar schreiben

Kommentare: 0