Mit Waschlappen die Welt retten

Über Nachhaltigkeit.

In den 70er Jahren erzählte ein Freund begeistert von seiner Tour durch norwegische Fjorde. Die Postschiffe der Hurtigruten nahmen Passagiere mit. Außenkabinen mit Balkon waren undenkbar, sogar unerwünscht. Die Entdecker der nordischen Einsamkeit suchten das Ursprüngliche. Ob sie sich an Bord mit Waschlappen wuschen, ist nicht überliefert.

 

Sanfter Tourismus war damals noch kein Begriff, sondern Realität. Heute genießen die ökologisch denkenden Touristen in ihren Kabinen alle Bequemlichkeiten eines guten Hotels. Die Veranstalter informieren über die Schäden, die unsere Lebensweise anrichtet. Die Reisenden fühlen sich nicht als Entdecker der immer noch imposanten Naturschönheit, sondern als Bewahrer der sterbenden Natur.

 

Sie lassen sich von Vorträgen über industrielle Lachszucht nicht die Schlacht am kalten Buffet verderben. Denn sie reisen nachhaltig (was immer das heißen mag) und meinen allen Grund zu haben, über die Massentouristen an Bord der schwimmenden 6.000-Personen-Hotels, die auch Norwegens Küste einnebeln, die Nase rümpfen zu dürfen.

 

An Bord der Hurtigruten darf man gutsituierte Babyboomer vermuten. Pensionierte Deutschlehrer, die ihre Schüler mit Vorträgen über Zivilcourage nervten. Wähler der Grünen, die sich ihr Leben lang als die besseren Menschen fühlten. Hatten sie doch Problembewusstsein. Das haben sie immer noch. Sie begreifen nur nicht, dass sie Teil des Problems sind.

 

Heute wehren sie sich gegen das Image der Grünen als Verbotspartei. Sie befürworten Kohlekraft und den Weiterbetrieb von AKW. Sie rechnen es ihren Politikern hoch an, dass diese keine Scheu haben, Energie bei rückständigen Diktatoren zu kaufen. Sie fürchten Krieg nicht, solange 1.500 Kilometer weit im Osten gestorben wird.

 

Sie begreifen nicht, dass sie längst Krieg führen. Gegen die Natur, gegen die nachfolgenden Generationen. Über ihre ehemaligen Schüler ereifern sie sich: die haben nichts gelernt. Trotz des pädagogischen Eifers, den sie in den Ruhestand gerettet haben. Wenn sie aufgepasst hätten, statt sich anzupassen, hätten sie wissen können: „Erziehung nützt nichts. Die Kinder machen doch alles nach.“ (Erich Kästner)

 

Auch die Jungen machen sich vor, es reiche, ein gutes Gewissen zu haben. Ihre Sorgen unterscheiden sich nicht von denen der Eltern. Sie streben nach Sicherheit, wollen ein Auto, ein Haus, eine*n Lebenspartner*in. Den Lebensstil der Alten müssen sie jetzt finanzieren, genießen werden sie ihn nicht. Sie können sich ausrechnen, dass ihre Rente nicht mehr für eine entspannte Reise mit den Hurtigruten reichen wird. Wenn der Ressourcenverbrauch nachhaltig so bleibt, gibt es in dreißig Jahren ohnehin nichts mehr, was sich an Norwegens Küste besichtigen ließe.

 

Auf die Solidarität der Alten können die nachfolgenden Generationen nicht hoffen. Die Besitzstandwahrer mobilisieren alle Kräfte, damit die Zustände bleiben, wie sie sind. Sie erlauben sich keinen Verzicht, der den Jungen eine Zukunft erlaubte. Aber sie werden vielleicht künftig  nicht mehr so heiß baden, um das Klima zu retten und Putin zu besiegen. Die Waschlappen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0