Angst vor dem Leben

 

Über einen gelungenen Fernsehabend.

 

Wo mag das sein, fragt sich der Zuschauer am Beginn des Films. Das ist Provinz. Das kann überall sein. Es ist Stuttgart. Eine reiche Stadt, in der es viel Armut gibt und Einsamkeit. Ob man wohlhabend am Hang lebt oder beengt im Kessel: am Ende ist man vielleicht froh, wenn wenigstens die Altenpflegerin vorbeischaut.

 

In dieses Milieu begibt sich ein Tatort-Krimi ohne Ballerei, ohne Wumme am Kopf und ohne Verfolgungsjagden. Keine Zeugenbefragung in abgedunkelten Verhörräumen, keine Wand mit den Fotos und Pfeilen, vor denen die Kommissare die mehr oder minder plausibel konstruierten Beziehungsgeflechte zwischen dem Opfer und den Verdächtigen aufdröseln. Die Formel ist denkbar einfach: Je schlechter das Drehbuch, desto aufgeregter die Action. Und die Drehbücher sind viel zu oft verdammt schlecht.

 

Und nun diese Produktion des Süddeutschen Rundfunks: Anne und der Tod. Zwei alte Männer sind tot. Hilflose Menschen, vom guten Willen ihrer Umgebung abhängig. Den beiden Ermittlern ist schnell klar, es gibt nur eine Tatverdächtige. Eine Altenpflegerin wie sie im Buche steht: versiert, empathisch, akkurat. Aber von ihrem Verdienst kann die allein erziehende Mutter nicht leben. Da muss es noch andere Quellen geben. Anfangs weist sie zu ihrer Entlastung auf die minutiöse Dokumentation hin, die sie führen muss, damit die Pflegekasse die vereinbarten Leistungen übernimmt. Schnell stellt sich dieser Arbeitsnachweis als Fake heraus.

 

Die Chefin der Verdächtigen erinnert mich an couragierte Pflegerinnen, die Mitte der 90er Jahre die Heime verließen, um Pflegedienste zu gründen. Das damals neue Konzept „ambulant vor stationär“ versprach die individuelle Pflege der alten Menschen in den eigenen vier Wänden. Die engagierten Pflegerinnen wurden enttäuscht. Die Pflegekassen verlangten Pflege mit der Stoppuhr. Zeit ist Geld und Geld ist knapp.

 

In quälenden Verhören versuchen die Polizisten, der Verdächtigen die Morde nachzuweisen. Es gelingt ihnen bis zum Schluss nicht. Ob sie aus Mitleid getötet hat oder weil sie erpresst wurde oder ob es ganz anders war, ist nicht wichtig. Die Frage ist, was den Pflegebedürftigen mehr Angst macht: das Leben oder der Tod.  

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