Entspannen und abschalten - koste es, was es wolle

 

Über Dummheit. Peter Dausend in der ZEIT vom 20. Juli 2022.

 

64 % der Deutschen gehen davon aus, in diesem Sommer in ihrer Freizeit trotz Ukraine-Krieg und Energie-Engpässen entspannen und abschalten zu können. Unser Kolumnist ist sogar als menschliche Ölsardine wild entschlossen dazu.

 

Werde ich in diesem Sommer in meiner Freizeit trotz derzeitiger internationaler Herausforderungen wie etwa des Kriegs in der Ukraine und der Energie-Engpässe entspannen und abschalten können? Nun, ich sitze gerade mit Frau und Töchtern in einem Flieger nach Helsinki, von wo aus wir nach Seattle weiterfliegen werden, um dann drei Wochen durch den pazifischen Nordwesten und den Norden Kaliforniens zu cruisen, bevor wir von San Francisco zurückfliegen zu den Energie-Engpässen und näher ran an den Ukraine-Krieg. Natürlich ist das weder für die familiäre Öko-Bilanz noch für das Weltklima so toll, aber dafür essen wir dann in Seattle kein Fleisch, leihen uns in Portland Fahrräder und duschen uns nicht mehr, sobald wir die Küste erreichen.

 

Der Mensch im Allgemeinen und ich im Besonderen sind gut darin, zu verdrängen und abzustumpfen, wenn wir entspannen und abschalten wollen – koste es, was es wolle. Und da die Deutschen zum einen auch Menschen und zum anderen im unentspannten Entspannen und im zwangsverordneten Abschalten sogar Weltmeister sind, wundert es nicht, dass knapp zwei Drittel von ihnen (64 Prozent) die internationalen Herausforderungen in den Ferienwochen vor allem darin sehen, zwischen Portugal und Papua-Neuguinea Kneipen zu finden, in denen es deutsches Bier gibt. Oder in ihrem germanischen Sommeroutfit – bedrucktes T-Shirt, kurze Hose, Socken, Sandalen – nicht umgehend als Teutone geoutet zu werden. Oder angesichts des Chaos auf Deutschlands Flughäfen ihre internationalen Herausforderungen überhaupt zu erreichen. Gibt es eigentlich schon "I survived BER"-T-Shirts?

 

Das mit dem Entspannenkönnen ist allerdings so eine Sache, wenn man in der Holzklasse eines Fliegers, in Reihe 20 eingepfercht zwischen D und F auf dem Loser-Platz E, als menschliche Ölsardine eine Kolumne schreiben muss. Die Engpässe hier sind immens, haben aber wenigstens nichts mit ausbleibender Energie aus Russland zu tun. Dass man auf dem Weg zur Space Needle, zu den Redwoods und zur Golden Gate Bridge allerdings zunächst mal in das Demnächst-Nato-Land Finnland mit seiner tausend Kilometer langen Grenze zu Putins Reich fliegen muss, hilft beim Abschalten nicht wirklich weiter. So, jetzt muss ich Schluss machen. Bevor wir landen, muss ich noch meine Sandalen finden, die sind unterm Vordersitz verschwunden. Man kann ja Bündnisgebiet nicht auf Socken betreten.

 

Quelle: Aktuelle Civey-Umfrage für die ZEIT

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