Falsches Bedauern

Als jüdischer Deutscher ist man ein Deutscher, der sich auf sein Land nicht verlassen kann. Daher eine Bitte, schreibt Nele Pollatschek in der Süddeutschen Zeitung.

Okay, fangen wir mit S. an. Es wird anstrengend, da sollte man mit dem Schönen anfangen. Mit S., dem schönsten Maler und Lackierer des Neckar-Odenwald-Kreises. S. also malert und lackiert mit seinen rührend braunen Augen vor sich hin, wir plaudern, ich reiche ihm das Kreppband, und er sagt: "Menschen hassen Juden, weil sie das ganze Geld haben."

 

An dieser Stelle gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ich kann a) S. einen Antisemiten nennen, b) ihn rausschmeißen, c) twittern, dass ich gerade einen Antisemiten gefeuert habe #nichtmitRechtenreden. Was ich tue, ist d), Kaffee kochen.

 

Als Drittes, und jetzt wird's knifflig, sage ich, dass "Juden haben das Geld" ein antisemitisches Klischee ist, ohne anzudeuten, er selbst sei Antisemit. Ich möchte, dass er versteht, dass das, was er da gedacht hat, antisemitisch ist, ich möchte, dass er aufhört, das zu denken. Er soll verstehen, dass die Vorstellung, es gäbe eine jüdische Weltverschwörung, in der "die da oben" dem kleinen Mann das Geld wegnehmen oder sein Leben kontrollieren, für Juden tödlich ist. Weil es die Art Geschichte ist, die man sich erzählt, bevor man auf die Idee kommt, ein Pogrom zu veranstalten, einen Anschlag, einen Holocaust. Antisemit klingt nach schlechter Mensch, und Menschen werden aggressiv, wenn sie sich der Schlechtheit verdächtigt wähnen. Also sage ich: "Ich glaube, du bist da Opfer eines antisemitischen Klischees geworden." Subtext: Du bist nicht daran schuld, dass du gerade noch was dachtest, was für Juden tödlich ist.

 

Wenn es funktioniert, habe ich mein Gegenüber am Ende von einem einzigen antisemitischen Klischee befreit. Harm Reduction nennt man das in der Sozialarbeit, Schadensminimierung, besser Methadon als Heroin, besser zwei Zigaretten als 20. Mit S. funktioniert es. Wir streichen noch ein bisschen, zum Abschied umarmen wir uns. Ich umarme ihn, wie man einen guten Menschen umarmt, dem ein Denkfehler unterlaufen ist. Alles gut.

Gefühle sind mir wirklich egal, ich möchte nur nicht ermordet werden

Der größte Denkfehler im Documenta-Debakel nun ist dieser: "Alle Beteiligten bedauern, dass auf diese Weise Gefühle verletzt wurden." Er kommt aus einer Stellungnahme von Sabine Schormann, der Generaldirektorin der Kunstschau. Was daran falsch ist, ist die Vorstellung, dass es um verletzte Gefühle geht. Antisemitismus verletzt mich nicht.

 

Wenn ich Antisemitismus sehe, denke ich nicht: "Oh nein, meine Gefühle!", ich denke: "Kann man da noch was machen, oder ist es Zeit?" Die Gefahr an Antisemitismus ist nicht, dass er Gefühle verletzt, sondern dass er Leben kostet. Gefühle sind mir egal, ich möchte nur nicht ermordet werden. Natürlich habe ich eine vernünftige Stimme im Kopf, die das albern findet. "Glaubst du wirklich, dass du ermordet wirst, nur weil ein neun mal zwölf Meter großes Bild mit einem Juden mit blutunterlaufenen Augen, Vampirzähnen und SS-Runen auf dem Hut unter den Augen einer deutschen Documenta-Leitung in Kassel aufgehängt wurde?" Nein, natürlich nicht. Das wäre ja paranoid. Das Problem ist, dass es in mir auch eine Stimme gibt, die sagt: Viele wollten nicht paranoid sein in deiner Familie, ermordeterseits. Diese Stimme nervt, und sie hat sechs Millionen Argumente.

 

Hier eine Geschichte, mit der ich groß geworden bin: Wie mein Uropa seine Eltern bat, ins Exil zu gehen, und wie die Eltern ihn für paranoid erklärten. Das Land von Goethe und Kant, so was kann heute nicht passieren, Dichter, Denker, Aufklärung! Wie die Eltern in Deutschland blieben, bis es nach Auschwitz ging. Es ist schwer, nicht paranoid zu sein, wenn man Teil einer Gruppe ist, deren nicht paranoider Teil von seinen Landsleuten ermordet wurde. Judentum ist survival of the paranoid.

Israel ist die Notlösung der Judenfrage

Als jüdischer Deutscher ist man Deutscher, der sich auf sein Land nicht verlassen kann. Europäer, der sich auf Europa nicht verlassen kann. Deutschland hat das Judenermorden nicht erfunden, nur professionalisiert. Pogrome gab es in Europa und darüber hinaus mit absoluter Regelmäßigkeit: 1011, 1033, 1096, 1147, yada yada yada, 1859, 1871, 1881, 1903 ... Cordoba, Fez, Grenada, Worms, Kiew, Würzburg, Lissabon, Lwiw, Jerusalem, Hebron. Antisemitistische Bilder verknüpfen sich nicht, wie es das Kuratorenkollektiv der Documenta Ruangrupa schreibt, mit der "deutschen Geschichte", sondern mit Geschichte allgemein.

 

Wäre ich jüdischer Israeli, ich würde den ganzen Tag nichts anderes machen, als Israel zu kritisieren. Das ist ja die Aufgabe von Intellektuellen: das eigene Land zu kritisieren. Als jüdischer Deutscher interessiert mich Israel nicht mehr als jedes andere Land. Ich weiß aber, dass Israel sich für mich interessiert. Es beruhigt, dass es ein Land gibt, welches einen beschützt, wenn andere es nicht mehr tun. Israel ist die Notlösung der Judenfrage.

 

Es kommen also verschiedene Interessen zusammen. Man möchte nicht paranoid sein. Man möchte nicht so ein Würstchen sein, das alle paar Jahre verkündet, es zöge jetzt wirklich nach Israel. Man weiß, dass man auf keinen Fall ins Ausland ziehen will. Und gleichzeitig dieses Nicht-ermordet-werden-Wollen. Man will nicht der sein, von dem es später heißt, man habe ihn gewarnt, aber er wusste es besser. Worüber niemand spricht, ist, dass es neben survivor's guilt auch survivor's superiority gibt, die aberwitzige Hoffnung, einem könne so was nicht passieren, wenn man schlau genug ist.

 

Das Bulletin of the Atomic Scientists veröffentlicht seit 1947 eine Doomsday Clock, die die Nähe zum Weltuntergang anzeigen soll (zur Zeit steht sie auf 100 Sekunden vor zwölf). Wenn jüdische Deutsche sagen: "Wir sitzen auf gepackten Koffern", dann meinen sie das: dass sie in Deutschland zu Hause sind, dass sie nicht einfach so in einen zänkischen Kleinstaat im Nahen Osten ziehen, dass sie aber eine innere Doomsday Clock haben und dass sie gehen werden, bevor es zu spät ist. Als könnten sie ihn erkennen, den Moment vor zu spät.

Jüdische Israelis haben eine Armee, jüdische Deutsche haben Stolpersteine

Jüdische Israelis finden es oft lächerlich, wie paranoid deutsche Juden sind. Begreifen nicht, warum hierzulande Antisemitismusvorwürfe so aufgeblasen werden. Logisch. Jüdische Israelis sind nicht Teil einer diskriminierten Minderheit, sie sind die Mehrheit. Jüdische Deutsche haben eine feine Sensorik für Antisemitismus, jüdische Israelis brauchen das nicht. Jüdische Israelis haben eine Armee, jüdische Deutsche haben Stolpersteine.

 

Die Doomsday Clock hat drei Faktoren. Erstens: Antisemitismus. Deutsche denken oft, er sei binär: an oder aus. Es gibt Antisemiten, aber man selbst ist ja keiner. Wenn man einen Satz, eine Pressemitteilung oder eine Karikatur nicht antisemitisch meint, ist sie nicht antisemitisch. Deutsche begreifen oft nicht, dass Menschen, die "von nichts gewusst haben", nicht die feinste Sensorik für Antisemitismus haben. Juden müssen genau hinschauen, Nichtjuden genießen entspanntere Familienfeiern, wenn sie nicht so genau hinschauen. Für Nichtjuden geht es bei Antisemitismus um Moral, für Juden um Überleben. Nichtjuden können sagen: "Nie wieder!", Juden müssen beständig fragen: "Schon wieder?"

 

Antisemitismus ist nicht binär, er ist immer da, seitdem jemand auf die Frage: "Wer ist schuld?" die praktische Antwort: "die Juden!" gefunden hat. Antisemitismus ist ein Grundrauschen. In Deutschland konnte ich es lange kaum hören. Zu manchen Zeiten, in manchen Ländern, ist es ohrenbetäubend. Es ist nicht rassistisch, das festzustellen, es gibt dazu Studien. Rassistisch ist es zu denken, dass Menschen aus Ländern mit hohem Antisemitismus schlechte Menschen sind. Sind sie nicht. Sie haben aber mit höherer Wahrscheinlichkeit antisemitische Vorurteile. So wie Menschen aus Corona-Hochrisikogebieten nicht "schlecht" sind und es trotzdem wichtig ist, Risiken ernst zu nehmen.

Alles, was ich will, ist, dass der Zentralrat immer unrecht hat

Wenn man eine Documenta von guten Menschen veranstalten lässt, die aus Ländern kommen, in denen es viel Antisemitismus gibt - das sind die meisten Länder, nicht nur im Süden -, ist es eine gute Idee, denen zuzuhören, die eine feine Sensorik für Antisemitismus haben. Man kann über den Zentralrat der Juden denken, was man will, aber diese Kompetenz hat er. Und natürlich ist er alarmistisch, das ist seine Aufgabe! Er ist ein Interessenverband. Eines der größten Interessen deutscher Juden ist es, nicht ermordet zu werden. Es ist die Aufgabe der Documenta-Leitung, der deutschen Politik, dieses Landes, den Warnungen immer wieder den Grund zu entziehen. Wenn alle ihre Aufgabe richtig machen, dann befindet sich der Zentralrat immer im Präventionsparadox, und jede Warnung stellt sich als unnötig heraus. Alles, was ich will, ist, dass der Zentralrat immer unrecht hat.

 

Der zweite Faktor der Doomsday Clock ist das Wohlbefinden der Nichtjuden. Historisch betrachtet führt Antisemitismus nur unter bestimmten Umständen zu Pogromen: bei Pest, oder Armut, Hunger, Krieg - immer wenn man einen Schuldigen braucht. Gefährlich wird Antisemitismus nur, wenn es dazu noch, keine Ahnung, eine Pandemie gibt, Krieg, Hyperinflation, Dürre, Hunger.

 

Natürlich stieg die antisemitische Gewalt während der Pandemie. Und natürlich symbolisieren Künstler "Militarismus und die Gewalt, die wir während der 32-jährigen Militärdiktatur Suhartos in Indonesien erlebt haben", wie das Künstlerkollektiv Taring Padi in seiner Erklärung schrieb: mit jüdischen SS-Vampiren. Nicht weil Juden eine Rolle im indonesischen Militär spielen - es gibt in Indonesien mit seinen 270 Millionen Einwohnern ungefähr 200 Juden -, sondern weil Juden halt schuld sind. Auch wenn es praktisch keine Juden gibt. Die jüdische Doomsday Clock läuft mit doppelter Geschwindigkeit. Sie reagiert nicht nur auf die Klimakatastrophe, sondern auch darauf, dass früher oder später jemand auf die Idee kommt, die Juden kontrollieren die Sonne.

Jüdische SS-Vampire sind überall antisemitisch - in Indonesien stört das nur kaum jemanden

Der dritte Faktor der Doomsday Clock ist dieser: Wie viele Menschen stört Antisemitismus? So ergibt das Wort "Kontext" Sinn, das sowohl Taring Padi als auch Sabine Schormann bemühten: Es ist nicht so, dass jüdische SS-Vampire in Deutschland eine "antisemitische Lesart" bieten, die es in Indonesien nicht gibt - Bilder jüdischer SS-Vampire sind in jedem Land der Welt antisemitisch - in einem fast judenlosen Land mit so stark ausgeprägtem Antisemitismus wie Indonesien gibt es nur nicht viele Menschen, die das stört. Und als die Künstler schrieben, dass ihre Arbeit "in diesem speziellen Kontext in Deutschland als beleidigend empfunden wird", hatten sie insofern recht, als dass Antisemitismus hier als Problem gesehen wird, weil Deutschland verstanden hat, wohin Antisemitismus führen kann.

 

Also, ich glaube, Deutschland hat das verstanden. Nur die Stimme fragt manchmal, ob ich mir sicher bin. Wenn ich die Arroganz sehe, mit der Documenta-Verantwortliche Warnungen abschmetterten, statt sie zu entkräften, als wäre Antisemitismus eine verjährte Ausnahme und kein reales Problem. Wenn die Geschäftsführung immer wieder eine Documenta ohne Antisemitismus garantiert, und als dann ein hundert Quadratmeter großes Bild mit Vampirjuden "entdeckt" wird, verkündet, sie sei "keine Instanz, die sich die künstlerischen Exponate vorab zur Prüfung vorlegen lassen kann". Und man sich fragen musste, wie man denn etwas garantieren kann, was man nie zu überprüfen gedachte. Als Jörg Sperling, Ex-Vorstand des Documenta-Forums, klarstellte: "Eine freie Welt muss das ertragen". Wenn in der Zeit der Kampf gegen Antisemitismus als "totalitär" bezeichnet wird, die Vorstellung, man könne die Documenta abschaffen als "die einfache vernichtende, die deutsche Lösung!", als hätte der Autor wirklich nicht verstanden, was "totalitär" bedeutet, was "Vernichtung" bedeutet. Wenn beschwichtigt wird, wenn relativiert wird, wenn dann Judenhass durch israelisches Verhalten gerechtfertigt wird - weil Juden eben immer schuld sind, besonders am Antisemitismus. Dann frage ich mich, ob es die Documenta ist, die so vielen so kolossalen Denkfehlern erlag. Oder ob ich es bin.

 

Der Preis, den man dafür zahlt, als Jude in Deutschland zu leben, ist, dass man sich nie sicher ist, ob man gerade einen riesigen Fehler begeht. Dass man manchmal anfängt, Wohnungen in einem Land zu suchen, in dem man nicht mal Urlaub machen will. Dass man mit einem schönen Maler eine Wand streicht und plötzlich denkt, dass es falsch war, ein Haus zu kaufen, sogar ein billiges, weil man jederzeit gehen können muss. Und dann fragt man sich, ob man völlig paranoid ist, weil man manchmal plötzlich gehen möchte, oder heillos naiv, weil man bleibt. Dieses Dilemma lässt sich nicht mehr auflösen. Damit müssen wir leben, und es ist peinlich zuzugeben, dass es nicht immer leichtfällt.

 

Vielleicht ist das alles, was es jetzt zu sagen gibt: Macht es bitte nicht schwerer.

 

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