Kämpfen bis zum Umfallen

Beim KO-Sieg gegen Sonny Listen 1964 war Muhammad Ali noch der Mann, der durch den Ring tänzelte: Fly like a butterfly, sting like a bee.


 

Zitternd und tapsig wie ein Bär bewegt sich der schwerfällige Mann auf der Tribüne. Muhammad Ali, dreimaliger Weltmeister im Schwergewichtsboxen und Champion der Herzen, entzündet die Olympische Flagge von Atlanta. Dieser Anblick nimmt vermutlich jeden mit. Da steht der erfolgreichste Sportler der Welt. Von Parkinson gepeinigt. Und jeder sieht, was es heißt, den Kopf hinzuhalten für 50 Millionen Dollar Preisgeld.

 

Viele haben an ihm verdient. Sie griffen direkt in die Kasse wie sein Manager oder warteten auf das, was für sie abfiel. Muhammad Ali war großzügig bis zur Naivität. Er brauchte Menschen um sich herum, brauchte Bewunderung und Bewunderer. Das ließ er sich etwas kosten.

 

Siebeneinhalb Stunden Dokumentation über die Box-Legende in der Arte Mediathek, fordern mir alles ab. Ich gehe über die Länge mit. Den Kampfszenen nicht auszuweichen, die Augen aufzuhalten, wenn sie den Boxern zuschwellen, entpuppt sich als schwere Prüfung. Boxen wird verklärt. Auch in diesem Film. Mit Faszination und Abscheu analysiere ich den Unterschied zwischen einem Techniker und einem Instinktboxer. Fühlen die Zuschauer in diesem Hexenkessel am Ring Scham, während sie außer sich geraten? Schlag zu. Mach ihn fertig. Oder in Kinshasa, beim Rumble in the Jungle gegen Joe Frazier: Töte ihn.

 

Wer boxt, schaut dem Tod ins Auge. Es scheint, als habe Muhammad Ali sein Leben lang gegen die Angst vor dem Tod angeschrien. Er machte seine Gegner verbal fertig. Er verhöhnte Sie als hässliche, dumme Schlappschwänze. Er ist der Schönste. Der Größte. Er kann reden. Er schreibt Gedichte. Er ist der perfekte Mann. Aus ihm schrie die Angst.

 

Als ihm die Vernichtung seiner Existenz droht, reagiert er angstfrei. 1967 widersetzt er sich der Einberufung nach Vietnam. Niemand habe ihn dort jemals einen „Nigger“ genannt: Er habe keinen Grund, gegen den Vietkong zu kämpfen. Auch die Aussicht auf fünf Jahre Knast lässt ihn nicht wanken. Da ist er der Größte.

 

Zum Schluss verprügelt er, fast vierzigjährig, minderwertige Gegner – Fallobst. Da möchte man seine Entourage, die Schmarotzer und falschen Freunde, in die Fresse hauen. Seine Krankheit gibt ihm in den letzten Lebensjahren den Rest. Man muss wissen, wann es nichts mehr zu gewinnen gibt. Dann wird es dunkel.

 

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Foto: Tara Wolff, Hamburg