Alles muss raus

Neulich beim Zahnarzt...


 

 

 

Vom Behandlungsstuhl aus sehe ich direkt in einen der Fleete, die Alster und Elbe verbinden. Mein Kieferchirurg ist umgezogen und praktiziert in Hamburgs pikfeiner City. Die großzügige, mondäne Praxis ist leer. Ich bin der letzte Patient vor der Mittagspause. „Sie sind nicht geimpft? Dann muss ich Sie testen.“ Die Arzthelferin bietet mir einen Stuhl im Flur an und porkelt mit dem Teststäbchen in meinem Nasenschleim herum. Dann übergibt sie mir eine Liste, auf der ich Vorerkrankungen ankreuzen soll. „Die Angaben haben sie doch schon“, sage ich. „Leider nicht“, erwidert sie. Der Datenschutz sehe vor, dass meine Daten in der alten Praxis bleiben müssten.

 

Ein aktuelles Röntgenbild habe ich nicht dabei. Meine Zahnärztin hat vor zwei Wochen eins gemacht. Ich dachte, sie hätte es per Internet geschickt. Hat sie nicht. Wir machen ein neues. Die Kasse zahlt.

 

Ich würde gerne meine Jacke ausziehen und die Tasche abstellen. Ein Tisch zum Schreiben wäre auch praktisch. „Sie haben doch sicher ein Wartezimmer?“ Ich darf hinein und nehme auf dem Sofa Platz. Ein Bildband „Hundert Kunstwerke, die Sie kennen sollten“ und Fotobände über Bugatti, Ferrari und Windjammer zieren die Beistelltische. Anstelle des Automaten mit Plastebechern leuchtet hier eine Wasserkaraffe mit vier Gläsern.

 

Auf einem riesigen Bildschirm fliegt die Kamera auf Sydneys Skyline zu. Darunter lese ich im Nachrichtenticker die Versicherung des Gesundheitsministers, die steigende Zahl der Psychosen habe nichts mit der Pandemie zu tun. Das wird wohl so sein. Karl Lauterbach hatte bisher immer Recht. Das habe ich von vielen Leuten gehört.

 

Das Virus rechtfertigt jedes Mittel zu seiner Bekämpfung, denke ich, als die neuen Horrorzahlen über das rote Band laufen. Mehr als 40.000 Menschen erkrankten in Deutschland an einem Tag. Das sind mehr als ins Millerntorstadion passen würden, wären nicht „Geisterspiele“ vorgeschrieben. Wann bin ich dran?

 

Meine persönliche Horrorzahl des Tages lese ich im Kostenvoranschlag des Spezialisten: 400 Euro für das Ziehen zweier alterschwacher Zähne. Hoffentlich hat die Krankenkasse nicht alles für Digitalisierung und Pandemiebekämpfung rausgehauen.

 

Während die Zange am Backenzahn hinten rechts ansetzt, fällt mir die elegante Hanseatin ein, die vor dem Eingang zur Praxis mit einem Plastikbeutel die Hinterlassenschaft ihres Hündchens vom Bürgersteig aufhob. Die City ist nicht St. Pauli, denke ich anerkennend. Dann stelle ich mir vor, wie die Scheißtüte im Ozean treibt, mitten in einem Meer von Einweghandschuhen und Test-Kits. „Die Scheiße an Schuh ist ärgerlich, aber ehrlicher", sinniere ich. Plötzlich durchzieht mich ein stechender Schmerz. „Jetzt sparen sie schon an der Betäubung“ argwöhnend, höre ich den Arzt: „Entschuldigung.“   


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moes@hamburg.de

 

Nehmen Sie Platz. Es sitzt sich nirgends bequemer als zwischen allen Stühlen.

Foto: Tara Wolff, Hamburg