Geisterfahrer unterwegs

Die Pandemie verändert die Gesellschaft. Sie vergiftet die Beziehungen der Menschen untereinander. Was eine demokratische Anstrengung hätte werden können, gefährdet die Demokratie. Und wir sind mittendrin.


 

 

Im Anfang war die Angst. Die Angst vor dem Virus, die Angst, Fehler zu machen, die Angst, Verantwortung zu übernehmen. Nicht zuletzt die Angst, als Querdenker zu gelten. Es zählt nur der worst case. Eine Sozialarbeiterin suchte vergeblich Helfer für eine erkrankte Familie. Dabei hatten die Familienmitglieder milde Verläufe fast ohne Symptome. „Aber das brauchen Sie nicht zu schreiben“, sagte sie mir. Sie wollte nicht in den Verdacht geraten, die Seuche zu verharmlosen.

 

Die staatlichen Maßnahmen gegen das Virus verlangen Gehorsam, nicht Einsicht. Sie stärken nicht die demokratischen Institutionen, sie nutzen nicht die Chancen der Subsidiarität. Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften unterwerfen sich dem Krisenmanagement. Die öffentlich-rechtlichen Medien verstehen sich als Partner der Exekutive. Sie nehmen die Angst auf und verstärken sie: Wir sehen vor lauter Nachrichten die Nachricht nicht mehr.

 

Ein Einrichtungsleiter im Diakonischen Werk erklärte mir, Sozialarbeiter begriffen staatliche Gesetze und Maßnahmen nicht als etwas, das sie selbst betreffen könnte. So geht es den meisten von uns. Wir leben, als stünden wir über den Dingen. Zur Not könnten wir emigrieren. „Zurück aufs Land“ war seltsamerweise die erste Reaktion vieler Menschen auf die Antipandemiepolitik.

 

Doch dieses Mal gibt es keine Ausflüchte. Alle sind betroffen. Die Pandemiebekämpfer bezeichnen ihre Strategie als „alternativlos“. Das stimmt insofern, sie der Logik unseres Gesellschaftssystems folgen. Corona beschleunigt Tendenzen, die im Kapitalismus angelegt sind. Jetzt werden sie sichtbar.

 

Alles wird zur Ware. Auch die Gesundheit. Früher bekamen Kliniken Geld, um Kranke zu versorgen. Heute akquirieren sie Patienten, um Geld zu machen. OP-Säle werden im Mehrschichtverfahren genutzt, jede Minute ist kostbar. Wie am Fließband werden Hüften eingebaut und Herzkatheder gelegt. Manchmal muss das Angebot verknappt werden, damit es Geld abwirft. So kommt es, dass mitten in der Pandemie Intensivbetten abgebaut werden.

 

Corona beschleunigt die Digitalisierung. Mit ihrer Hilfe wird Kommunikation zur Ware. Dank des Smartphones wird jede Lebensäußerung kostenpflichtig. Nebenbei entsteht ein perfektes Kontrollsystem. Die meisten Menschen wollen das. Sie verlangen keine Grundrechte, sondern totale Sicherheit. So kam es zur Isolierung alter und kranker Menschen, denen menschliche Kontakte verweigert wurden: die Umwertung unserer Werte, hingenommen aus Angst.

 

Noch kann ich sagen, ich sei gesund. In der neuen Diktion ist ein subjektiv Gesunder ein potentiell Kranker. Wer gesund ist entscheidet künftig die Pharmaindustrie. Sie hat ein Interesse daran, Menschen von sich abhängig zu machen. So erwirkte sie vor einigen Jahren neue Gefährdungswerte für Colesterin und schuf damit im Handumdrehen viele Medikamentenabhängige. Aus meiner Sicht spricht einiges dafür, die Impfung gegen Corona unter diesem Blickwinkel zu betrachten.

 

Die Gesellschaft, die angeblich auf Vielfalt setzt, lässt in der Pandemie nur eine Sicht zu, die der Regierung. Kritiker werden kurzerhand als Idioten, Verschwörer und potentielle Terroristen eingestuft. So werden 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung ausgegrenzt und den Nazis überlassen. Ein demokratisches Parteiensystem dürfte das nicht zulassen, sondern müsste Wege finden, Kritiker einzubinden und in den Parlamenten zu beteiligen.

 

In meinem Freundeskreis definierten sich die Menschen eher links. Sie verstanden sich als gesellschaftskritisch. Geht es um Corona, weigern sich fast alle, politisch zu diskutieren. Sie nehmen die Verhältnisse hin. Wenn ich argumentiere, die Pflege müsse besser bezahlt und aufgewertet werden, werde ich gefragt: „Willst du eine Revolution?“

 

Weit verbreitet scheint die Angst, zu kurz zu kommen. In einem der reichsten Länder der Erde über Triage zu reden, finde ich absurd. Manche halten mir vor, als Nichtgeimpfter gefährde ich ihr Bett auf der Intensivstation. Es geht scheinbar ans Eingemachte. Da ist sich jeder selbst der Nächste.

 

Als ich für den NDR arbeitete, musste ich mich vor einigen linken Freunden rechtfertigen. Sie kannten die Voreingenommenheit bürgerlicher Journalisten aus den Berichten über ihre Aktivitäten. Jetzt behandeln sie mich wie einen Querdenker, wenn ich Medienberichte in Frage stelle.

 

Jeder müsse wissen, was er tut, heißt es bestenfalls. Zugleich nimmt der Anpassungsdruck zu. Wer aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis wird sich für mich verwenden, wenn die Impfpflicht kommt? Ich fühle mich wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn. Ich bin in der Spur geblieben. Habe ich eine Abfahrt verpasst? Der Crash scheint unausweichlich.

 

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Foto: Tara Wolff, Hamburg