Im Zweifel für das Leben

Man lernt nicht aus. Ich lasse jetzt und künftig die Virologen ihre Arbeit machen. Deshalb kommt dieser Beitrag ohne Zahlen aus.


 

Die klügste Kritik der letzten Zeit, die mich aus dem Freundeskreis erreichte, war folgender Hinweis: wir leben vorwärts und begreifen in der Rückschau. Das saß. Ich vergesse es nicht.

 

Neulich beschäftigte sich die Süddeutsche Zeitung mit dem Mitteilungskanal Telegram, wo sich angeblich die Gegner der Pandemie-Politik treffen. Ich kenne diesen Dienst nicht. Ich bin nicht mal mehr bei Facebook. Mich kotzt die Art der Auseinandersetzung in den sogenannten Sozialen Medien schon lange an. (Mein Schreibprogramm empfiehlt mir gerade, auf Umgangssprache zu verzichten. Wie kommt die Firma Microsoft dazu, mir Vorschriften zu machen?)

 

Bedenke, dass du sterben musst, auf dass du klug wirst, heißt es im Buch der Psalmen. Was hieße es, klug zu sein? Im Frühjahr nahmen wir an einer Tanzveranstaltung teil. Wir spürten, wieviel positive Energie uns im Winter verboten worden war. Wir erlebten, was es heißt, die körpereigene Immunabwehr zu stärken.

 

Die Veranstaltung fand in einem Gebäude statt, in dem Kampfsport unterrichtet wurde. Ich ließ mir von einem Jungen in Judokluft die Bedeutung der farbigen Gürtel erklären. Traurig sagte er, eigentlich könnte er schon einen wertvolleren Gürtel tragen. Aber Corona hatte das verhindert. Auch in der Schule wird er einiges versäumt haben. Ist die Bürde, die wir diesem Jungen aufladen, nicht viel zu groß?

 

Mir fällt eine andere Situation ein, in der die Abwägung zwischen zwei Rechtsgütern notwendig, aber ungeheuer schwer ist. Als ich über einen Insassen der Psychiatrie in Ochsenzoll berichtete, der während seines Freigangs eine Frau belästigt hatte, erklärte mir der Leiter: „Wir müssen uns auf die Gefahr hin, dass wir uns irren, auch den weggesperrten Straftätern eine Chance auf Heilung zugestehen. Stellen Sie sich die Katastrophe vor, wenn ein Mensch unschuldig in Haft festgehalten wird.“

 

Das sind die Herausforderungen der Wirklichkeit. Einigen Journalisten sind sie zu komplex. Sie kennen nur die Logik der Freiheitsbeschränkung. In der Pandemie ist ihnen kein Test zu viel und kein Lockdown hart genug. Traurig schaue ich zu, wie Ingo Zamperoni in den Tagesthemen seine Angst zur Angst aller macht. Wäre er klug, müsste er Wege suchen, so wenig Freiheit wie möglich aufzugeben.

 

Ich ließ mich gegen Polio, Tollwut, Wundstarrkrampf und einiges andere impfen. Was hätte ich – in Indien angekommen – gesagt, wenn ich erfahren hätte, ich könne mich trotz der Impfung weiterhin mit diesen Krankheiten infizieren und andere anstecken? Ich hätte mich verarscht gefühlt. (Mein Schreibprogramm reagiert nicht. Was ist da los?) Die Corona-Impfung ermögliche den Geimpften ein normales Leben, hatte das Versprechen anfangs geheißen. Das stimmt insofern, als es normal zu werden scheint, sich pausenlos testen zu lassen.

 

Um auf den Psalm zurückzukommen: Das Leben verliert nicht seinen Wert, weil es endlich ist. Im Gegenteil: seine Begrenztheit macht es besonders wertvoll. Wir haben keine Zeit zu verschenken.

 

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Foto: Tara Wolff, Hamburg