I had a dream

Träumt weiter. Mehr ist nicht zu sagen...


Wir warteten auf Martin Luther King. So viel weiß ich noch. Wer „wir“ waren, weiß ich nicht mehr. Das Treppenhaus, in dem wir uns meist aufhielten, erinnerte an die Wohnung, in der ich aufgewachsen bin. Vielleicht lag die Wohnung in den USA. Allerdings konnte ich aus einem Fenster im ersten Stock ins Badezimmer der gegenüber liegenden Wohnung sehen. Als Pubertierender hatte ich versucht, dort etwas von den Reizen der Nachbarstochter zu erspähen, wenn sie nach dem Duschen das Badezimmerfenster öffnete.

 

Träumte ich, mir hätte jemand geraten, mich nicht als Opfer zu stilisieren? Hatte ich wirklich gehört, wie jemand sagte: „Fesseln und knebeln, zwangsweise vorführen und impfen?“ War ich nicht inzwischen geimpft? Keiner wehrte sich. Auch ich nicht. Den Piks spürte ich kaum.  

 

Die Familie aus dem Nachbarhaus stand nun in unserem Flur. Es roch nach einem heftigen Streit. Aber alle blieben ruhig. Einer von uns erklärte, Martin Luther King sei bestimmt bereit, den Streit beizulegen. Dann sah ein Nachbar eine Pappschachtel in einem Lampenschirm. Was darauf stand, habe ich vergessen.

 

Habe ich nur geträumt, auf der Titelseite der ZEIT, 48/2021, gelesen zu haben, der Lockdown sei womöglich ein Testlauf für Maßnahmen während der Klimakrise? Nicht geträumt hatte ich die Äußerung von Professor Drosten zwei Wochen zuvor, das Virus werde endemisch. Dann wäre eine gute Gesundheitspolitik nötig. Nicht aber die Beschränkungen des gesellschaftlichen Lebens, die noch bis Ostern dauern könnten. Dann werde der Schutz gegen die Mutation aus Südafrika vordringlich, sagte auch Herr Drosten. Was eben noch galt, gilt nicht mehr – ein Albtraum, dieses Hin und Her.

 

Im Traum hätte ich die exponentielle Steigerung der Angstzustände nicht einkalkuliert. Wer es gut mit mir meint, macht sich Sorgen, weil ich ungeimpft eine Ansteckung mit dem Virus nicht überleben könnte. Jetzt könne man sehen, wozu die Weißen in der Lage seien, wenn sie sich vom Tode bedroht fühlen, erklärte ein afrikanischer Freund.

 

Vor dem Einschlafen hatte ich auf 3Sat eine elegante, sorgfältig geschminkte Sprecherin der Welthungerhilfe neben einer Schlange von abgerissenen Kabuler Bürgern stehen sehen. Sie warnte vor einem Massensterben afghanischer Kinder, während die Menschen in der Schlange auf einen Sack Mehl hofften.

 

Unterdessen war Herr King eingetroffen. Etwas ungehalten, aber geduldiger als ich erwartet hätte, ließ er eine Frau das Lied „We shall overcome“ korrigieren. Sie war schwarz, vielleicht durfte sie es deshalb (träumte ich). Ich bat ihn, am nächsten Morgen den Nachbarschaftsstreit zu moderieren. Er sagte zu.

 

In der Morgendämmerung lief ich auf die Straße, die mich an meine Kindheit erinnerte und sah, hinter Hecken versteckt, großzügige Villen. Schön wohnen wir hier, sagte ein Nachbar, dessen Frau einen Posten bei der Welthungerhilfe bekleidet.

 

Ich hatte mich unbeliebt gemacht, als ich mich um einen Sitz im Corona-Krisenstab bewarb. Wie konnte ich mir die Kompetenz anmaßen? Dabei hätte ich nicht mehr können müssen, als die richtigen Fragen zu stellen. Minister kann ich nicht. Frau Baerbock baue das Außenministerium um, war überall zu hören. Wie man einen Apparat ruhig stellt, weiß sie. Was qualifiziert die Grüne und den Herrn Lindner, um nur zwei Flaschen zu nennen, für die Leitung eines Ministeriums?

 

Trauen wir nur einer oder einem aus der Bundesregierung einen Gedanken zu, der aus der Logik des Wettrüstens und der Drohgebärden im Konflikt um die Ukraine hinausführt? Das Volk hält ruhig, komme, was will. So viel wissen wir jetzt. Wenn wir Glück haben, rumst es nur in der Ukraine. Was für ein schäbiges Glück, von dem ich träume. Einen wie Martin Luther King bräuchten wir jetzt.

 

Ich wäre gerne auch weise. In den alten Büchern steht, was weise ist. Sich aus dem Streit der Welt halten. Böses mit Gutem vergelten. Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen, gilt als weise. Alles das kann ich nicht. Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten.

 

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Foto: Tara Wolff, Hamburg