Kontakt wagen

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist das große Ziel der neuen Bundesregierung. Für ein Gespräch unter Nachbarn ist Phantasie wichtiger als die flächendeckende Verlegung von Glasfaserkabeln.


Der ökologische Fußabdruck ist ein gelungenes Bild, um den Aufwand zu beschreiben, mit dem wir unser Leben organisieren. Jetzt in der Pandemie vergrößert er sich um einiges. Warum das so ist, zeigt ein Werbespot der Firma Amazon. Die Geschichte ist anrührend. Wir sehen Menschen, die sich in ihre Wohnungen zurückgezogen haben und erfahren von den psychischen Spätfolgen der Isolation.

 

Amazon weiß, was hilft: Die alte Dame, die von ihrem Balkon aus ein trauriges Mädchen beobachtet, schickt ihr ein Päckchen. Wir erfahren nicht, was drin ist. Wir sehen nur das Amazon-Logo auf dem Karton. Und das Lächeln des Mädchens. So leicht geht das, sagt der Werbespot: ein Auftrag an Amazon und die Welt wird freundlicher.

 

Digitalisierung bringe Menschen zusammen, lautet die gern gehörte Botschaft. Hier geht es jedoch nicht um Kontakte in andere Erdteile.  Hier wird nur so getan, als sei die Nachbarin nicht erreichbar. Digitalisiert wird ein nachbarschaftlicher Kontakt zu einem energiefressenden Vorgang. Von der E-Mail an das Versandhaus und die vielfältige elektronische Kommunikation, die sie auslöst, über die vielen Kilometer, die das Päckchen unterwegs ist, bis es der Bote ausliefert. Da kommt einiges an CO2 zusammen.

 

Es muss doch möglich sein, auch während der Pandemie etwas für das Klima zu tun. Die alte Dame könnte einen Brief in den Kasten werfen und das Mädchen zu einem Spaziergang im Park einladen. Oder zu einem Besuch auf ihrem Balkon. Er schien groß genug zu sein, um sich im gebührenden Abstand zu unterhalten. Ein Geschenk lässt sich auch persönlich überreichen.

 

Mit Phantasie können wir kommunizieren und etwas für das Klima tun. So weit mein Überraschungsei des Tages: Tun Sie etwas für ein gut nachbarschaftliches Klima. Sprechen Sie mit ihren Nachbarn. Für besonders Vorsichtige empfehle ich das Dosentelefon.

 

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Nehmen Sie Platz. Es sitzt sich nirgends bequemer als zwischen allen Stühlen.

Foto: Tara Wolff, Hamburg