Das Schweigen im Dilemma

Wenn ich kritisiere, dass es im zweiten Pandemiejahr immer noch keine besseren Arbeitsbedingungen für Pflegende gibt, fragen mich Menschen: "Willst Du eine Revolution?" Über eine vernünftige Gesundheitspolitik zu diskutieren, gehört sich anscheinend nicht.


 

Beim Begräbnis meiner Mutter hörte ich zum ersten Mal den wunderbaren Spruch aus dem Buch der Psalmen: „Mensch, gedenke, dass du sterben musst, auf dass du klug wirst.“ Jetzt, in der Pandemie fällt er mir wieder ein. Ich begreife langsam, warum es so schwer ist, sich in der Impffrage zu verstehen. Und warum ich gebeten werde, endlich den Mund zu halten.

 

Die meisten sprechen über Leben und Tod ohne den Glauben an ein Jenseits. An ein Leben im Himmel hoffen nicht einmal mehr alle Kirchenmitglieder. Sich ohne jeden Trost mit dem Ende seines Lebens zu konfrontieren, ist die höchste Prüfung für uns Sterbliche.

 

Wer schon mal mit Ärzten diskutiert hat, die im Sterben liegende Angehörige noch therapieren wollen, weiß, was ich meine. Auch Ärzte wissen, dass sie den Tod nicht besiegen können. Aber für sie bedeutet jeder Mensch, der unter ihrer Behandlung stirbt, eine Niederlage. Das ist gut so. Ich will, dass mein Arzt um mein Leben kämpft.

 

Ich wünsche mir, wenn es so weit ist, Begleiterinnen und Begleiter, die beurteilen können, wann es sinnvoll ist, mein Sterben zu akzeptieren. Ich spreche darüber mit Menschen, die mir nahestehen. Auch und gerade am Ende des Lebens geht es um die Menschenwürde.

 

Die Realität, in der wir leben und diese Überlegungen anstellen, ist höchst komplex. Die Wählerinnen und Wähler entschieden mehrheitlich für eine Politik, die Krankenversorgung als Geschäft organisiert. Kliniken sollen profitabel sein. Deshalb verschwinden Intensivpflegeplätze. Findige Unternehmen wollen an der Digitalisierung von Medizin und Pflege verdienen. Die Pharmaindustrie wittert Gewinne. All das treibt die Kosten hoch. Zugleich wünschen die Wählerinnen und Wähler weniger Belastung durch Sozialabgaben und Steuern.

 

Das Dilemma der Mehrheit in diesem Lande ist es, diese Politik gewählt zu haben und zugleich ihre Folgen zu fürchten. Wenn dann Politiker in einer der reichsten Ökonomien der Welt über Triage reden, wächst die Angst, zu kurz zu kommen. Bekomme ich, was mir zusteht?

 

Wer getraut sich einzugestehen, dass die Politik, die ein Leben auf der Gewinnerseite verspricht, im Kern unmoralisch ist? Leichter ist es, Sündenböcke zu finden. Gäbe es die Nichtgeimpften nicht, wäre die Welt in Ordnung. Erklärt sich damit das Schweigen in der Pandemie?

 

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Foto: Tara Wolff, Hamburg