Was anders würde

Muss die Würde des Menschen antastbar werden, damit die Impfpflicht möglich wird? 


 

Gibt es eigentlich noch Journalisten, an denen man sich orientieren kann? Als Student vertraute ich Wolfram Schütte von der Frankfurter Rundschau. Walter Boehlich, der als alter Mann in der Titanic schrieb, gab Orientierung. Auch auf Lothar Baier war Verlass. In den Achtzigern konnte man auf Gabriele Goettle zählen. Ein Wegweiser war auch Christian Semmler in der taz.

 

Wenn ich es richtig sehe, bleibt nur Heribert Prantl übrig. In der Vergangenheit wirkte er mir oft zu moralisch. Jetzt schätze ich sein Festhalten am Rechtsstaat. Der ehemalige Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung schreibt: „Alle reden jetzt von einer Impfpflicht. Scholz will sie, Lindner stimmt auch zu. Sie wird wohl kommen. Kommt dann auch der Impfzwang? Und: Wird womöglich das Nichtimpfen kriminalisiert? Wird das Nichtimpfen zur Straftat? Ist dann künftig einer, der sich nicht impfen lässt, ein Straftäter? Das sind Befürchtungen, die ich habe.“

 

Neulich stritt ich mit einer Freundin, die sich eine allgemeine Dienstpflicht wünschte, damit Jugendliche soziale Verantwortung üben können. Ich fragte sie, was sie mit denen machen wollte, die diese Gelegenheit zum sozialen Lernen ausschlagen. Wäre sie bereit, diese jungen Menschen zu bestrafen, sie womöglich ins Gefängnis zu stecken?

 

Diese Frage würde ich auch Menschen stellen, die eine Impfpflicht fordern. Können sie sich vorstellen, Menschen in Fesseln vorzuführen und zu impfen?

 

Gestellt habe ich die Frage aber noch nicht. Denn Menschen, die von der Impfpflicht träumen, reden darüber nicht mit mir, weil ich diese Impfung ablehne. Sie malen mir meine Gefährdung aus oder werfen mir vor, ihnen potentiell den Platz auf der Intensivstation wegzunehmen. Bestenfalls höre ich, jede müsse selbst wissen, was sie für richtig halte.

 

Hat sich die Mentalität der Deutschen seit der Nazizeit verändert? fragte der „Polizeiruf“ im ARD-Programm am 5. Dezember. Ich weiß es nicht. Aber ich habe den Eindruck, als befänden sich die meisten Deutschen bereits in der Inneren Emigration.

 

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Foto: Tara Wolff, Hamburg