Sensationeller Sportjournalismus

Piefiger als der Moderator des Aktuellen Sportstudios, Jochen Breyer, kann man kaum wirken. Aber die Kritik an der Fragwürdigkeit der gegenwärtigen Männermode erledigt sich von selbst. Der Mann ist nicht im Fernsehen, um Mode vorzuführen.


 

 

 

Vor acht Jahren schrieb die WELT nach seiner Premiere: „Jochen Breyer, der neue Sportstudio-Moderator, sieht gut aus, macht keine Fehler und könnte das Format irgendwann prägen.“ Damals war der Hoffnungsträger 31 Jahre alt, ein Senkrechtstarter.

 

Am 4. Dezember 2021 sah ich den inzwischen 40-Jährigen zum ersten Mal. Und er schaffte etwas Unerhörtes: Ich schaute das Aktuelle Sportstudio im ZDF von Anfang bis zum Ende - ich glaube, zum ersten Mal in meinem Leben. Denn schon zu Dieter Kürtens und Harry Valériens Zeiten war mir diese Sendung zu geschwätzig und marktschreierisch.

 

Jochen Breyer wirkt nur auf den ersten Blick wie die üblichen „Emotionsverkäufer“, die glauben, durch Kritiklosigkeit Quote machen zu können. Im Interview zeigt er seine Stärken. So vermittelte er mit beharrlichem Nachfragen eine eindrucksvolle Charakterstudie des 40-jährigen Tischtennis-Champions Thomas Boll. Ich saß vor dem Fernseher und dachte: so wäre ich auch gern gewesen.

 

Der Moderator setzt auf journalistisches Handwerk. Unaufgeregt demontierte er den neuen Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Weikert. Der hatte sich in Limburg vor Fachwerkfassaden postiert. Der Moderator sprach ihn auf die verschwundene chinesische Tennisspielerin Peng Shuai an. Thomas Weikert lobte den IOC-Chef Thomas Bach für seine „Geheimdiplomatie“, worauf Jochen Breyer deutlich machte, von Diplomatie könne keine Rede sein. Bach habe die Verlautbarungen der Chinesen nachgebetet.

 

So nahm er dem Publikum die Hoffnung, mit dem neuen Vorstand werde es vom DOSB ein klares Bekenntnis zu Menschenrechten geben. Nach dem Gespräch stand der vermeintliche Erneuerer – immer noch grinsend, aber jetzt hilflos – vor den Trümmern der Idylle, die er uns zugemutet hatte.

 

Die Befürchtung der WELT, „der Einheitsbrei in der deutschen TV-Sportberichterstattung“ werde mit Jochen Breyer „ein Stück weit Einheitsbreyer“, erfüllte sich nicht. Mal sehen, vielleicht werde ich noch Sportstudio-Fan.

 

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Foto: Tara Wolff, Hamburg