Der Preis des Verzichts

 

Sind wir denn wirklich nur geboren,

um wie die Jahre zu vergehen?

 

Erich Kästner


In Paolas Laden war ich in den zehn Jahren, die ich in Ottensen gewohnt hatte, vielleicht zwei oder drei Mal. Jetzt beim Schreiben fällt mir ein, Freund R. kaufte ab und zu dort in der „Bio-Apotheke“, wie er sagte. Ein Lebemann, der Freund. In den grauen Tagen des Lockdowns wurde ich der Not gehorchend zum Drogerie-Kunden. Wie früher die Teppichhändler besetzen jetzt die genormten Läden des Branchenriesen Budnikowsky die Straßenecken und machen auf budni.

 

Also zwei Stufen hinauf, die Ladenklingel meldet mich an und zieht mich hinein in eine nostalgische Welt. Zwischen den mit Spezialitäten dekorierten Regalen und Auslagen fühle ich mich wie der Bohemien, der ich gern wäre.

 

Der bärtige, in Wolle gewandete Mann, den ich um eine Weinempfehlung gebeten hatte, scheint in Symbiose mit dem Laden zu leben. Er zeigt einen „Hervorragenden“, den er mir aber preislich nicht zutraut. Denn er nimmt eine Flasche zu sechs Euro aus dem Regal. Ich komme ihm zuvor: „Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.“

 

Genuss ist kein Wert in dieser Gesellschaft. Kultur ist nichts, wofür man kämpfte. Alles verblasse vor dem Kampf gegen das Virus, behaupten die Virologen. Sie geben vor, den Tod besiegen zu können. Ihre Gemeinde glaubt ihnen nur zu gern. Um dem Tod zu entwischen, machen sie sich klein. Schließen sich ein. Brechen sämtliche Kontakte ab. Im Hinterkopf die Gewissheit: es gibt kein Entkommen, weil der Tod keine Behörde ist. Er schlampt nicht.

 

Ich dachte anfangs, die Tabuisierung des Sterbens sei der Grund für die allgemeine Bereitschaft, sich ein- und unterzuordnen. Die Menschen müssten ihre Vergänglichkeit annehmen. Alles nicht falsch. Und doch nicht die Wahrheit. Ein Gespräch brachte mich darauf. Mein Gesprächspartner berichtete, er habe seit einem Jahr keine direkten Kontakte mehr zu Freunden und Verwandten. Nicht einmal unter freiem Himmel habe er sich zu treffen getraut. Er hofft jetzt auf die Impfung. Ob sie ihm wieder den Zugriff auf sein Leben verschafft?

 

In einer Kneipe in meiner Nachbarschaft zog einmal ein Gast seine Waffe und erschoss seinen Streitgegner. So ist das auf St. Pauli. Ich hörte irgendwann auf, davon zu erzählen, als ich merkte, die Tat war in nur meiner Erinnerung gegenwärtig. Der Schuss fiel bereits 1986.

 

Der Gesprächspartner meinte, er sehe Nachrichten, um sich auf dem Laufenden zu halten. Meinem Eindruck nach brauchte er die Inszenierung der stetig, in Wellen oder exponentiell wachsenden Gefahr, um die Spannung zu erhalten. Der Kick der Breakimg News scheint seinen Verzicht auf Leben zu rechtfertigen.

 

Neulich besuchte ich Freunde. Wir saßen mit Abstand zusammen. Im Hintergrund die Stimmen öffentlich-rechtlicher Erregung. Sie halten erstaunlich lange durch. More oft he same wird das Prinzip sein. Ich weiß es nicht, weil ich alarmistische Verkaufe hasse. Ich bat um Medienverzicht. Dem Besuch tat er gut.  Das Leben kennt mehr als ein Restrisiko. Auch nicht neu. Aber aktuell.

 

Den Laden verließ ich um einige Euro ärmer und bereichert um die lang vermisste Erfahrung, dass auch Konsumkritik ihre Grenze hat. Im Plastikbeutel ruhte der hervorragende Tropfen. Ich freute mich schon auf das Preis-Leistungsverhältnis.

 

Ein schöner Grund, R. einzuladen.

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Schreibtischlerei  Hamburg Altona   Tel: 040 319 755 96  moes@hamburg.de

Es heißt, Deutsche lösten, wenn sie Revolution machten, eine Bahnsteigkarte, bevor sie den Bahnhof stürmten. Heute wissen sie nicht, wo in der Shoppingmall, die sie stürmen, die Bahngeleise sind. Die Revolution ist - von oben kommend - gerade abgefahren.