Über die Vorteile des Privatisierens

 

 

Menschen wollen sich unterscheiden. Da kommt die Pandemie gerade recht.


Wo ihrer drei zusammenstehen, da soll man auseinander gehen, Heinrich Heine

 

 

Wie es ist und wie es werden kann. Die Aktionen gegen das Covid-19-Virus berücksichtigen den letzten Stand der Forschung, sagen die beteiligten Regierungen und ihre Unterstützer. Wie soll ich mir das vorstellen? Müssen jetzt alle Virologen, die etwas auf sich halten, in Berlin bei Prof. Drosten studieren? Ist ein Abschluss bei Prof. Streeck in Bonn nichts mehr wert? Dann könnte man das Institut dichtmachen. Der letzte Stand der Forschung ist unerreicht, solange es Forschung gibt. Es gilt: kein Forschungsergebnis ist alternativlos.

 

Insofern begegnen uns in den gegenwärtigen Maßnahmen die Beschlüsse von Politikern, die sich von Virologen beraten lassen. Auch wenn andere Experten angehört werden: was zählt, ist die Virologie. Bei einem wissenschaftlichen Versuch werden alle Störfaktoren ausgeblendet. Der Versuch muss überall auf der Erde nachvollziehbar sein.

 

Politik funktioniert genau andersherum: Alle Störfaktoren müssen einbezogen werden, damit ein politischer Prozess in Gang kommen kann. So weit die Theorie. Orientierte man sich an ihr, wir hätten glänzende Redebeiträge im Bundestag gehört. Das Parlament blieb aber weitgehend im home office. Es sollte nun mal keine Stunde der Wahrheit geben. Die Menschen hätten auch eine Diktatorin akzeptiert, wenn sie versprochen hätte: Wir schaffen das Virus und fast alle überleben. Es gibt Argumente für die Einschränkung von Rechten. Ernüchternd war der Verzicht, als könne man die Hindernisse für die Pandemie-Bekämpfer nicht schnell genug loswerden.

 

Freiheit war im Westen wie im Osten immer nur Reisefreiheit. Die deutsche Pandemiegesellschaft kommt mit pathetischer Egozentrik aus, wenn man das Wüten des Virus und das grausame Sterben durch Corona beschreibt. Ansonsten verbindet die Hoffnung, Geld heile alle Wunden. Kultur, Werte? Diejenigen, die mit Berufsverbot belegt werden, bekämen doch Geld. Was will man mehr?

 

2004 begriff ich beim Interview mit dem kaufmännischen Direktor einer Hamburger Klinik, dass egal, was man herstellt, Geld das einzige treibende Motiv ist. Ideelle Werte, Tradition, Sinn interessieren nicht. Dieses Denken schafft es gerade, in den letzten familiären Winkel vorzudringen. Außerdem: wer redet vom Konzerterlebnis, wenn alles gestreamt werden kann. Ohne hustenden Pöbel. Garantiert keimfrei.

 

Die Pandemie hat die Inseln des Gesellschaftlichen zerschossen. Zu sehen an Buchläden, die ihre Aura als Verständigungsorte verloren haben. Immer unter Zeitdruck, weil vor dem Laden Kundschaft wartet, überblickt man das Angebot. Gespräche finden in dieser Atmosphäre nicht statt. Man hält Abstand. Mit einem Mal wirkt die ausgestellte Druckware wie Pornografie. Angestrengte Versuche, sich den Anschein von Authentizität zu geben. Was hier herumliegt, bedeutet nichts mehr. Ob völkelnde Versöhnungsprosa (Juli Zeh) oder aufgeregte Flucht ins Idyll (Thea Dorn).

 

Viele sind prädestiniert für den Beruf des 21. Jahrhunderts. Fußvolk für die Gewinner der Pandemie als Boten und Lieferandos. Die Angst vor dem Virus begünstigt den Rückzug. Privatisieren aus Pflicht und aus Überzeugung. Und die wäre: Es zählt allein das Überleben. Aus Nachbarn, Freunden und Brüdern  werden Andere. Potentielle Gefährder oder Erziehungsobjekte.

 

Was flackert beim Blick in die Zukunft? Draußen brennen Autos und Barrikaden. Angry young men aus aller Welt reagieren ihre Wut über vertane Chancen ab. Sie beherrschen nachts die Straßen.
                                                                                                                                                                                                                                         ©2021 Stefan Moes

 

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Es heißt, Deutsche lösten, wenn sie Revolution machten, eine Bahnsteigkarte, bevor sie den Bahnhof stürmten. Heute wissen sie nicht, wo in der Shoppingmall, die sie stürmen, die Bahngeleise sind. Die Revolution ist - von oben kommend - gerade abgefahren.