Wonach richten wir uns?

Über das Richtige und das Notwendige. Oder wenn das Notwendige nicht das Richtige ist.

 

 

 

 

Zwei Regale aus Buche Leimholz. Mein erster Schreinerauftrag 2014. Von eigener Hand hergestellt. Sie stehen noch.


Die Pandemie mache aus der Gesellschaft einen Organismus, schreibt Paolo Giordano. Niemand sei mehr nur für sich verantwortlich. Im Kern mag der in Italien sehr bekannte Physiker rechthaben, was das Virus angeht. Eine Gesellschaft ist aber  vielschichtiger. Trotzdem haben die Leute, die über Ostern nach Mallorca mussten, einen an der Waffel. Und ich? Ich war nach Ostern in Berlin. Ich wollte nichts als Freunde besuchen.

 

Im Zug war der Abstand groß. In der Wohnung war Platz genug. Ich habe niemanden gefährdet. Nicht mehr jedenfalls als ich es in Hamburg getan hätte. Ich habe übrigens weder ein Auto, noch sammle ich Flugmeilen. Risiken vermeiden klingt leichter als es in Wirklichkeit ist. Ich stolpere oft, meist über einen Teppichrand zu Hause. Das mag flappsig klingen. Aber mit Parkinson schätze ich laufend Risiken ab.  Wenn ein Pflegeheim die gefährdeten Personen fixiert, geht das Sturzrisiko gegen null.

 

Ich gehöre – anders als Rentner und Beamte – nicht zu denen, die sich erlauben können, untätig ein, zwei oder drei Jahre wie das Kaninchen auf die Schlange zu gucken. Das kann doch nicht vernünftig sein. Jedenfalls ist es nicht lebbar.

Ich kenne nur einen Menschen, der an Covid-19 starb. Was nichts über die Seuche sagt. Ob sie in diesem Fall todesursächlich war, lässt sich nicht mehr feststellen. Könnte es sein, dass das Virus seine Gefährlichkeit nicht nur einer virologischen Potenz verdankt, sondern auch dem gesellschaftlichen Umgang mit ihm? Was sagt es uns über unsere Medien, wenn wir lesen, "das Virus wütet" und dann feststellen: es verursachte im Jahresverlauf nicht einmal eine nennenswerte Übersterblichkeit?

Die unterste Schublade dient im Werkstattschreibtisch meiner Schreibtischlerei möbel & texte als Ablage. Die Texte wurden im Laufe der Zeit zu einer Art Tagebuch des Zorns. Ich werde zornig wegen meiner Begriffsstutzigkeit - ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich zürne, um nicht gänzlich machtlos zu sein und bin es doch. Die Texte sind oft haltlos, sie werden persönlich und wenn sie nerven, weil ich so tue, als hätte ich dennoch die Wahrheit gepachtet: dafür kann ich nichts .


Die Redaktionen wüten jedenfalls in den Hirnen derer, die sich vom Erwachen bis zum Einschlafen ihren Nachrichten aussetzen. Und das sind erschreckend viele. Vor den Bildschirmen und vor den Lautsprechern sitzen inzwischen virologisch argumentierende Experten. Wenn es darum geht, was zu tun ist, richten sie sich nach den Nachrichten. Längst ist aus Information ein lähmender News-Overkill geworden.

 

Mein Bekannter, der an Covid-19 gestorben ist, könnte vielleicht noch leben, wäre er nicht von einem ängstlichen Hausarzt ins Krankenhaus verlegt worden. Die Sicherheitsbestimmungen dort hielten die Angehörigen fern. Er musste den Kampf gegen das Virus allein führen. Das schafft sogar einen jungen Menschen.

 

Es käme darauf an, sich nicht in Info-Scharmützeln aufzureiben, sondern eine strategische Linie zu verfolgen. Herauszufinden, was angemessen ist, was nötig, was übertrieben und was völlig falsch ist, wird durch viele Nachrichten nicht leichter. Allein die einfach erscheinende Frage, ob Deutschland genug Intensivbetten hat, lässt sich nicht eindeutig beantworten, wie die ZEIT nachweist. Zu vielfältig sind die Interessen, denen die profitorientierte Medizin unterliegt.

 

Paolo Giordano sorgt sich. Das Virus werde sich mit Sicherheit auch in afrikanischen Ländern ausbreiten. Die Länder dort seien nicht annähernd so gut mit Krankenhäusern versorgt wie Europa. Vielleicht ist das eine Chance. Hier sterben fast alle Menschen in Kliniken. In Hospizen, in ihren Familien wären sie besser aufgehoben. Sollte es in afrikanischen Ländern noch familiäre Strukturen geben, könnten sie uns in der Virusbekämpfung etwas voraushaben?

 

Es ist leichter, in den Lockdown einzusteigen als wieder auszusteigen. Auch, weil wir nicht bereit sind, komplex zu denken. Genauso wenig wie höhere Dämme die Klimakatastrophe verhindern, wird die massenhafte Impfung künftige Pandemien verhindern. Nichts werde nach der Pandemie so sein wie vorher. Ein Allgemeinplatz, den wir aber ernst nehmen sollten. Wir brauchen gemeinschaftliche Rücksichtnahme und gesellschaftliche Tatkraft. Eine Fahrt nach Berlin sollte noch drin sein, oder?

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Es heißt, Deutsche lösten, wenn sie Revolution machten, eine Bahnsteigkarte, bevor sie den Bahnhof stürmten. Heute wissen sie nicht, wo in der Shoppingmall, die sie stürmen, die Bahngeleise sind. Die Revolution ist - von oben kommend - gerade abgefahren.