Berühren verboten

Haltung bewahren. Gesicht verlieren. Über das Nicht-weiter-wissen.

Weh mir, wo nehm ich

wenn es Winter ist

die Blumen und wo

den Sonnenschein und Schatten der Erde?

 

Die Mauern stehn sprachlos und kalt.

Im Winde klirren die Fahnen

 

Friedrich Hölderin, 1804


 

Das Buch Digitaler Kapitalismus des Soziologen Philipp Staab erscheint bei Suhrkamp. Dort lese ich, was vermutlich alle wissen, die sich für Digitales interessieren: Fünf große Unternehmen teilen sich den digitalen Markt. Fünf Männer dirigieren weltweit die digitalen Geschicke. Wer jetzt noch Verschwörungstheorien bastelt, ist der Zeit hinterher.

 

Hier kommt jetzt nichts über die Zahlen. Hier geht es ans Eingemachte. Die Betuchten im Berliner Politikbetrieb fühlen sich immerhin noch wichtig. Sie beschäftigen sich mit den wirklich wichtigen Fragen: Laschet oder Söder.  Was wäre blöder? Für die umtriebigen Lobbyisten im Bundestag ist der Betrieb Beweis genug, dass der Betrieb funktioniert.

 

Im Bundestag sind Momente echten Berührtseins selten. 700 Abgeordnete demonstrieren in der Coronadiskussion Masse statt Klasse.Ihre Debatten lassen sich prima streamen. Wer einmal ein katholisches Hochamt besucht hat, fühlt den Verlust, den der digitalisierte Alltag bringt. (um die sinnliche Kraft zu spüren, muss man weder katholisch sein, noch muss man an Gott glauben).

 

Kindern verbieten wir schon seit mehr als einem Jahr, Freunde zu treffen oder neue Freundschaften zu schließen. Ob das Spätfolgen hat oder nicht: Berühren verboten. Den Alten Trost und den Händedruck beim Sterben verweigern: das ist die neue Moral. Die emotionalen Schwingungen zwischen Menschen werden in der schönen neuen Welt, an deren Durchsetzung teilzunehmen wir gezwungen werden, verleugnet. Hat eine Kirche, die Ihre Rituale ohne die Gemeinde im Streaming aufführt, noch eine Idee von Gott? Das ist nicht mein Problem. Aber bisher gaben Kirchen auch dem Nichtangepassten eine Stimme. Jetzt stimmen sie ein in den Chor derer, die von der Gewalt der Verhältnisse übermannt,  wenigstens eine gewaltfreie Sprache anstreben.

 

Apropos Macht der Verhältnisse und Leerlauf. Wir alle können nichts tun, als die nächste technologische Revolution zu begleiten. Kritisch oder zustimmend. Vielleicht auch unkritisch und zähneknirschend. Ruhe zu  bewahren bleibt erste - selbst auferlegte - Bürgerpflicht.

 

Corona hat eine Welle der Selbstsucht ausgelöst. Verstört, eingeschüchtert, isoliert hocken Menschen, die ich für mutig und kritisch hielt,  zu Hause und warten auf den Impfstoff. Er wird nicht kommen, zumindest bringt er nicht die erhoffte 100%-ige Sicherheit. Was werden die Menschen tun, wenn sie merken, dass ihre Gewissheiten trügerisch sind? So wie sie drauf sind, können sie nur Sündenböcke suchen. Ich lese, viele wollten aufs Land. Da sei die Welt noch in Ordnung. Sie waren wohl lange nicht mehr da. Nirgends zeigen sich Verlorenheit und Verlogenheit unseres Lebensstils deutlicher. Ich wohne auch deshalb in der Stadt.

 

Vor Corona können wir ebenso wenig weglaufen wie vor der Klimakatastrophe. Also erhöhen wir die Deiche und impfen, was das Zeug hält. Ursachen zu bekämpfen, widerspräche der Hoffnung, die wir hegen, es werde alles so, wie es war. Eine verzweifelte und irrige Hoffnung, die auch mich erfasst, ab und zu. Ich möchte lieber noch viele Apfelbäumchen pflanzen.

 

Kein Bild beschreibt das technologische Wunder, das die Menschen vollbringen und die ethische NIedertracht besser als die Scheiße im Klo, die wir mit Trinkwasser wegspülen. Wohin eigentlich?

 

Wehe denen, die arm sind oder es noch werden. Es werden viele sein. Ihr Leid interessiert nicht mehr. Haben sie Lieder? Ich höre keine. Es ist ruhig in Deutschland. Das wollte die Regierung so. Sie verbietet Hausmusik, lässt Musikaufführungen nicht zu. Musik berührt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Reinhard Ilg (Samstag, 17 April 2021 11:07)

    Leider ganz hervorragend , lieber Freund

  • #2

    Christoph Schemm (Montag, 19 April 2021 00:20)

    Lieber Stefan, Du machst es mir wirklich nicht leicht, mich auf Deine Texte einzulassen. Da gibt es so vieles, was mich erreicht, und so viel anderes, was ich als brüsk abweisend empfinde. Aber mir scheint, letztlich warnst Du auch immer genau davor.
    Natürlich ist es so, dass ich beim Lesen immer auch Deine persönliche Situation im Kopf habe - ich habe da meine Unschuld verloren und kann nicht mehr davon gänzlich abstrahieren. Aber vielleicht ist es letzthinnig auch vollkommen egal, wenn Du für mich der Tristesse des Nicht-weiter-Wissens eine Schärfe gibst, die ich immer wieder und vermehrt ähnlich empfinde. Oder sagen wir: Zu empfinden glaube. In einem womöglich umgekehrten Sinn: Je mehr ich die Welt zu verstehen meine, um so tiefer tun sich mir ihre Abgründe auf. Und meine Hilflosigkeit. Und das Nicht-weiter-Wissen. Ich muss das so sagen, auch vermutlich ganz ohne Parkinson. Und mit trotz einer gewissen Hoffnung in meine Impfung morgen, bei aller Relativierung ihrer Wirkung. Und obwohl ich weiter Apfelbäumchen, Stauden, Sommerblumen, Gemüse pflanzen werde, so lange es mir noch möglich ist...

Schreibtischlerei  Hamburg Altona   Tel: 040 319 755 96  moes@hamburg.de

Es heißt, Deutsche lösten, wenn sie Revolution machten, eine Bahnsteigkarte, bevor sie den Bahnhof stürmten. Heute wissen sie nicht, wo in der Shoppingmall, die sie stürmen, die Bahngeleise sind. Die Revolution ist - von oben kommend - gerade abgefahren.