Vergesst das Virus (nicht)

Über die Chancen, als Gesellschaft zu überleben.

Es war wie eine Demonstration für eine Normalität nach Corona, wie sie sich anscheinend viele erhoffen. Die Menschen, die das unverhoffte Sonnenwetter am 21. Februar 2021 an die Elbe trieb, wirkten entspannt - zufrieden im  hier und jetzt. Die Polizei, die sonst kleinste Versammlungen auflöst, blieb fern. Eine große, entspannte, nicht angemeldete Demonstration für Diversity.


 

Mein Schuster hat die Gelegenheit genutzt. Er hat seinen Laden verschönert. Ein paar Kollegen werden die Krise nicht überleben, vermutet er. Staatsknete gab es jedenfalls nicht. Jetzt müsse es bald wieder losgehen, sonst sei er auch dran. An der Erzählung fasziniert vor allem die Teilnahmslosigkeit, mit der sie vorgetragen wird.

 

Vor allem fehlt Empathie mit denen, deren Existenz aufs Spiel gesetzt wird. Da erzählt mir eine Frau, sie genieße die Auszeit, komme endlich zum Lesen. Wohl denen, die verbeamtet sind. Ich finde diese Haltung zunehmend unerträglich. So viele Menschen leiden direkt unter der Pandemiebekämpfung. Unverständlich, mit welcher Eiseskälte diese Menschen sich selbst überlassen werden. Was hätte ich gesagt, wenn ich in meinem Unternehmen die Auflagen für Hygiene erfüllt hätte, um Wochen später wieder schließen zu müssen?  

 

Seit einem Jahr erleben wir die Gesellschaft als Ein-Punkt-Bewegung. 80 Millionen Menschen stehen seit einem Jahr unter medialem Dauerfeuer, mit einer Sprache, die Stimmung erzeugt. Keine Familie, in der das tückische Virus nicht gewütet hätte. Allein 2020 mehr als 60.000 Tote, jeder starb einen qualvollen Tod. In New York verscharrt in Massengräbern. Die Sprache der Corona-Überlebenden (so nennen sie sich selbst) verdeutlicht: hier liegt etwas schief. Jährlichh sterben in Deutschlandl 860.000 Menschen. Betrauert werden nur die wenigen Virenopfer. Apropos: jede Tote ist eine zu viel. Diese Gesellschaft ist nicht mal in der Lage, ein Tempolimit auf Autobahnen einzuführen, um Menschenleben zu retten.

 

Die Anti-Pandemie-Aktivisten sehen sich bestätigt. Die dritte Welle sei bereits da.* Karl Lauterbach twittert stolz, die Pandemie verhalte sich wie von den Virologen vorausberechnet. Jetzt nochmal konzentriert und diszipliniert gegen das Virus ankämpfen. Das sei die Chance. Dann hätten wir es geschafft. Wenn Virologen heute dies und morgen jenes vertreten, macht sie das erst zu ernstzunehmenden Wissenschaftlern. Jetzt bereiten ihnen die hohen Infektionszahlen Sorge und nicht die Menschen, die in der Pandemie sterben. Wenn Corona – wie sich ankündigt – Menschen direkt in die Armut treibt, weil sie ihren Laden, ihre Kneipe, ihren Job aufgeben müssen, werden diese Menschen weiter stoisch, isoliert, hinter einer Maske versteckt, durch leere Einkaufsmeilen eilen?

 

In ihrem ansonsten klugen Corona-Briefroman Trost lässt Thea Dorn ihre Protagonistin vom Ausstieg träumen. Ausgerechnet im Allgäu sucht sie Trost. Ich kenne das Allgäu seit 1962. Damals grasten noch Kühe auf den Weiden. Im letzten Sommer war ich noch einmal da. Von Idylle keine Spur. Irgendwo dröhnt immer eine Autobahn. Selbst wenn es anders wäre, vor Corona können wir nicht davonlaufen. Das unterscheidet diese Krise von allen bisherigen. Das macht die Nervosität aus. Freiheit verstehen die meisten Deutschen als die Freiheit, in die Ferne zu fahren und sich zu entziehen.  Als Student empörte mich ein Satz von Hegel glaube ich. Ich hatte ihn nicht verstanden. Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit. Zu entscheiden, was notwendig ist: Kann diese Gesellschaft das?

 

 

*Ich bin sehr dafür, das Virus und seine Mutanten ernstzunehmen.  Ich kann mir allerdings vorstellen, dass wir es nicht wegkriegen. Vielleicht nie.

 



Virales  Potpouri

Der Acker leuchtet weiß und kalt

die bunten Laubgardinen wehen

Weh mir, wo nehm ich

Wenn es Winter ist die Blumen?

Sind wir denn wirklich nur geboren,

um wie die Jahre zu vergehen?

Es pocht eine Sehnsucht an die Welt

an der wir sterben müssen



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