Ich darf nichts tun

Über das sterbende Mitgefühl.

In einem Wolfsburger Pflegeheim infizierten sich im Frühjahr 2020 während der Covid-19-Pandemie 112 der 163 Bewohner und Bewohnerinnen. 47 alte Menschen starben an dem Virus. Der Bericht im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 9. 10. 2020 schockiert wegen der Sachlichkeit, mit der die Autoren die Entwicklung in ihrer Vielschichtigkeit schildern. Eine vorzügliche Reportage über die Schieflage der Altenpflege in Deutschland, die nicht urteilt, sondern Material für ein Urteil liefert.

 

Vor allem mangelt es an Personal, um die Menschen, die allesamt dementiell erkrankt sind. angemessen zu pflegen. In diesem Heim wird niemand festgehalten, eingeschränkt oder eingesperrt. Es habe immer streng gerochen, schmutzig sei es gewesen, kritisiert eine Angehörige. Womöglich versuchte das Personal, den Bedürfnissen der Bewohner nachzukommen. Im Konflikt zwischen Hygiene und Lebensqualität hätten sie sich dann für das zweite entschieden. Das ließe sich begründen. Warum wehrte sich dann niemand gegen Vorschriften, die gegen menschliche und fachliche Standards verstoßen?  

 

Die Fachleute im Heim befolgten Anordnungen von Beamten, die den worst case, den schlimmsten Fall, annehmen und sämtliche Risiken ausschließen. Wer so denkt, würdigt die alten Menschen zu Virenschleudern, zu Gefahrgut herab. Strahlende Container werden isoliert. Aber Menschen? In einer aufgeputschten, von Angst gepeinigten Öffentlichkeit, die so tut, als lasse sich jedes Opfer vermeiden, müssen Handelnde befürchten, ihnen werde beim kleinsten Fehler der Kopf abgerissen.  

 

Pflegende verschanzen sich hinter Plastik, tragen Schutzanzüge, die sie unkenntlich machen. Sicherheit wird zum alleinigen Kriterium. Sie scheinen nicht einmal zu überlegen, wie schrecklich Bewohnerinnen und Bewohner das empfinden. Wie steht es um das Selbstwertgefühl und die Fachlichkeit des Personals?

 

Diese Pandemie beweist vieles. Zum Beispiel das erhöhte Sterberisiko der abgehängten Bevölkerungsgruppen. Die Fehlentwicklung eines kommerzialisierten Gesundheitswesens. Und die Haltung einer Gesellschaft, die ihre Alten in sogenannten Pflegeheimen verkommen lässt, ohne sich für das Elend dort auch nur im Geringsten zu interessieren. 90 Prozent der Bewohnerinnen bekämen nie Besuch, erfuhr ich kürzlich. Was soll ich von Menschen halten, die ihren Vater allein sterben lassen, mit der Begründung: ich darf nicht zu ihm? Und was sagt es über die Gesellschaft, die Angehörige mit ihren Zweifeln allein lässt?

 

Ein Detail macht mich fassungslos. Heimbewohnerinnen mit einer Patientenverfügung wurden in diesem Heim der Diakonie medizinisch schlechter behandelt als Menschen, die nicht verfügt hatten, auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten. Hier zeigen sich die Fallstricke einer solchen Verfügung. Mich erschreckt vor allem, wie ahnungslos Ärzte ihren Beruf ausüben.

 

Was sagt die Ärztekammer dazu? Und was ist von Ärzten zu halten, die sich weigern, in einem Heim mit vielen infizierten Menschen zu arbeiten? Was zeigen die Toten von Wolfsburg? Meiner Ansicht nach einen chronischen Mangel an Zivilcourage.

 

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