Bekenntnis und Interesse

Über die Lust Verschwörungstheoretiker zu entlarven

Seit sieben Jahren sehe ich nicht mehr fern. Ich habe keine Lust mehr auf die Infohäppchen aus den News Rooms. Ich halte den Ton, mit dem mir Reportagen über den schönen Norden serviert werden, nicht aus. Keine der auf Krawall gebürsteten Talk Shows habe ich jemals von Anfang bis zum Ende mitverfolgt. Fast 20 Jahre lang war ich Fernsehjournalist. Ich glaube zu wissen, wovon ich rede. Wenn heute Haltung verlangt wird, ist nicht gemeint, was der Spiegel so benennt (und nicht immer hält): Sagen was ist.

 

Während ich dies schreibe, erinnert mich mein Betriebssystem an ein nötiges Update. Ich befördere es per Klick in den Hintergrund. Was da jetzt im Einzelnen auf eine höhere Stufe gebracht wird, weiß ich nicht. Mein Betriebssystem ist von Microsoft. Dessen Erfinder Bill Gates ist ein Genie und einer der reichsten Menschen der Welt . Wie viel Macht hat Bill Gates? So zu fragen ziemt sich nicht, sondern macht  mich zum potentiellen Verschwörungstheoretiker.

 

Mein Diktiersystem kennt ihn jedenfalls nicht. Das nur als Joke am Rande. Mein Betriebssystem bevorzugt die Datenspeicherung in einer Cloud. Wenn ich nicht ständig widerspreche, werden meine Daten dort abgelegt, wo Microsoft sie haben möchte. Ich glaube nicht, dass irgendjemand meine Texte liest, noch bevor ich sie veröffentliche. Aber sie gehören nicht mehr nur mir, sobald ich sie dem Computer diktiere.

 

Der immer aufwendigere Schutz meiner Privatsphäre weckt immer mehr Zweifel. Mit jeder neuen Schutzstufe, mit jedem neuen Programm, das ich dafür kaufe, erhöht sich das Gefühl, ausspioniert zu werden. Wie gesagt, das ist nur ein Gefühl. Ich muss dem System Vertrauen entgegen bringen, obwohl ich ihm zutiefst misstraue. Früher konnte ich meine Daten in einer Schatulle verwahren. Da waren sie sicher. Ob ich jemandem vertraute oder nicht, war völlig egal. Nur ich besaß den Schlüssel.

 

Gerade las ich den Bericht des Journalisten Birk Meinhardt, Wie ich meine Zeitung verlor. Der 61-Jährige ist ein paar Nummern größer als ich und berichtet über seinen Abschied – nicht nur von der Süddeutschen Zeitung – sondern vom gesamten Journalismus. Er machte sich verdächtig, indem er Fragen stellte. Und indem er die gefundenen Antworten mitteilte. Sie passten nicht ins Schema. Auch im Journalismus werden Bekenntnisse verlangt. Haltung heißt dann, für die gute Sache zu stehen. Zu sagen, was ist, kann Haltungsschäden verursachen. 

 

Birk Meinhardt ist ein begeisterter, preisgekrönter Schreiber. Er glaubt an seine Unabhängigkeit. Bis er merkt: Auch Leitmedien passen sich an.  Wo Mut fehlt, arbeiten sich alle an einem Zerrbild der Wahrheit ab. Der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung sind bundesweit maßgeblich, wie das Hamburger Abendblatt in der Hansestadt. Legendär die Antwort eines Redakteurs auf ein exklusives Rechercheergebnis: Warum sollen wir das machen, wenn es kein anderer hat? Mich kritisierte mal eine Redakteurin, der Spiegel habe aber etwas anderes geschrieben als ich recherchiert hatte. So wie es die Edelfedern schrieben, wollte sie den Beitrag haben. Eine eigene Sicht der Dinge hätte sie begründen müssen.

 

Bill Gates finanziert einen dicken Batzen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die Frage, ob Bill Gates Interessen verfolgt, erledigt sich fast von selbst. Er nimmt Einfluss. Er verdient an der Digitalisierung ebenso wie an einem Impfstoff. Die Frage stellt sich also, wie er das macht. Und was genau er – außer Profit – noch will. Da müssten Journalisten ran.

 

Wo die Verdächtigung regiert, verliert das Denken seinen Platz. Da geben die Platzhirsche den Ton an. Alle machen sich klein, um nicht anzuecken - die am weitesen verbreitete Haltung. Birk Meinhardt fühlte sich immer mehr an seine Zeit als Journalist in der DDR erinnert. Da war es in einer Hinsicht einfacher: Das Politbüro zensierte und gab die Leitlinien an die verantwortlichen Redakteure. Da war kein Platz für Verschwörungstheorien. Aber auch nicht für Journalismus.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0