Kollateraler Gedächtnisschwund

Über verdrängte Gewissheiten.

Das Ende ist nah, so scheint es. Die Lockerungen locken. Lassen wir die Diskussion über handwerkliche Fehler der Regierungen. Stellen wir die Frage, warum unsere Krankenhäuser, privatisiert und Gewinne abwerfend, so schlecht vorbereitet waren, dahin, wo sie hingehört. In den Raum. Vertagen wir die Frage, woher die überwältigende Zustimmung kommt, die unsere Politiker in Land und Bund für den Shutdown erhalten. Reden wir über Kollateralschäden.

 

Im Spiegel las ich das Wort vor zwei Wochen zum ersten Mal. Da rechneten die Rechercheure vor, wieviele Menschen wichtige Operationen verschieben mussten und wieviele schwer kranke Menschen Ärzte mieden, aus Angst vor dem wütenden Virus. Die Zeche, die kranke Menschen zahlen müssen, werde hoch, höre ich. Die gesamtgesellschaftlichen Kosten für das Gesundheitsystem könnten erheblich werden. Kinder und Alte wurden ausgegrenzt. Menschen starben ohne Beistand. Beerdigungen wurden verboten. Kritiker wurden als Verschwörungstheoretiker verunglimpft und ausgegrenzt. Das wird mit Sicherheit atmosphärische Folgen haben.

 

Für Kleinunternehmer regnet es jetzt ein paar Scheine. Nur diejenigen, die bisher ihre Kunst als brotlose betrieben, können sich darüber freuen. Unglaublich viele werden zu Kurzarbeit gezwungen. Auch die Zahl der Kurzarbeitenden hatten die Experten in den Ministerien weit geringer eingestuft. Zu Lachen haben die Konzerne. Volkswagen, Lufthansa und andere greifen in großem Stil Subventionen ab. Und rechnen schon mal aus, wieviel tausend Arbeitende sie nicht mehr brauchen.

 

Wer nicht täglich mit astronomischen Summen umgeht, staunt über die großen Beträge, die jetzt für Bedürftige und solche, die so tun als ob, aufgerufen werden. Alles frisch selbstgedruckte Scheine. Mein gesunder Menschenverstand ruft: Inflationsgefahr! Die Experten bleiben ruhig. Wie gehabt.

 

Auch Lehrer begreifen noch nicht, wie sie überflüssig gemacht werden. Um viele von ihnen, die seit Jahren dieselben Kopien herumgereicht haben, die sie jetzt als E-Mail verschicken, ist es´nicht schade. Corona befeuerte den Siegeszug des E-Learnings. Die Vereinzelung schreitet voran, Home Office behindert die gewerkschaftliche Organisation.

 

Jedes Opfer, das das Virus fordert, sei eines zu viel. Der Tod müsse um jeden Preis verhindert werden. Diese Pippi-Langstrumpf-Version von Sozialpolitik kommt in der infantilitsierten Individualgesellschaft gut an. Drückt sie doch Haltung aus. Wenn auch keine Vernunft. Diese gern geglaubte Lüge hat Wolfgang Schäuble bereits widerlegt.

 

Der Publizist und Mediziner Bernd Hontschik empört sich: Die Gesundheit hatte noch nie Vorrang, schon gar nicht zu 100 Prozent! Weder beim Nachtflugverbot, noch bei Hospital-Infektionen, nicht bei der Energiewende.

 

Politik ist Risikoabwägung. Das kann brutal sein. Ist aber verantwortlicher als das Gutmenschentum derer, die meinen, sie gehörten nicht zu den Sterblichen. Die Politik der letzten Wochen wurde mit dieser Lüge begründet: Wir können alle retten, wenn wir uns anstrengen. Die Menschen wollten das gern glauben. Sie werden, falls sie wach werden, viel zu bedauern haben. Ich fürchte mit Herrn Hontschik, wir werden bald eine bittere Bilanz ziehen.

 

 

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