Angst essen Demokratie auf

Über offensichtliche Lügen und versteckte Wahrheiten.

Ein mediales Osterei: Das Fernsehen zeigte schlichte Särge, in denen identifizierte Tote lagen. Die überforderte New Yorker Stadtverwaltung lagerte sie bis zur regulären Beerdigung unter einer Erdschicht. (Damals galten die Leichen noch als hochinfizierend). Der Kommentar der Tagesschau redete mir ein, dies seien Massengräber. Ein Begriff, der an die verscharrten Opfer der Wehrmacht oder die killing fields der Roten Khmer denken lässt. Medien leben von der Zuspitzung. Hohe Quote, sonst gibts Tote hatte jemand beim NDR auf eine Wand gekritzelt. Das ist mindestens 20 Jahre her. Heute könnte dort stehen Viele Tote bringen Quote.

 

Der Chefredakteur der christlichen Wochenzeitung Die Zeit, Giovanni di Lorenzo, ist auch Gastgeber einer Talk Show: Der sogenannte Diskurs wird ganz stark von den Rändern her bestimmt, er ist weitgehend vergiftet; er ist von dem unbedingten Willen getragen, die jeweils andere Seite misszuverstehen.

 

Wie das funktioniert, zeigt der Streit um den Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Der Mann entzieht sich dem Schwarz-Weiß-Schema. Er solidarisierte sich mit einer Kritik des Erzbischofs Carlo Maria Vigano, der wirklich starken Tobak verbreitet. Die Pandemie sei ein Vorwand, um unveräußerliche Rechte der Bürger zu verletzen. Vigano warnt vor der Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht. Wie gesagt, eine steile These. Aber eine Verschwörungstheorie sieht anders aus. Hier hat sich niemand verschworen, sondern der Erzbischof malt sich aus, was die verschiedenen Maßnahmen gegen das Virus bedeuten können. Totale Kontrolle ist ein Ziel, dem auch in der Bundesrepublik die Geheimdienste folgen. Und wenn man in der Corona-Panik mittels einer App die Privatsphäre ausforscht und das Bargeld abschafft, kann man auf den Gedanken kommen, hier würden in einem Aufwasch Kontrollgelüste befriedigt.

 

Die Bundeskanzlerin nannte die Grundrechtseinschränkungen eine politische Zumutung. Die meisten Bürger scheinen das nicht so eng zu sehen. Die Isolierung der Alten zu fordern, mag für zwei Wochen noch hinnehmbar sein. Doch auch nach acht Wochen kam es nicht zu  Diskussionen. Dies und die leeren Kirchen zu Ostern schockierten den Kardinal. Die Gläubigen hätten sich treffen müssen, real in ihren Gotteshäusern.

 

Die gesellschaftlichen Kräfte des Weiter so, die Apparatemediziner, die Privatisierer des Gesundheitswesens, die Leugner gesellschaftlicher Alternativen hatten gegen die Angst leichtes Spiel. Wir erlebten in den letzten zwei Monaten einerseits den tiefsten Eingriff der Politik in die Wirtschaft und die Privatsphäre, andererseits eine minimale Bereitschaft, über grundlegende Fragen der Politik nachzudenken. Jetzt scheint die größte Sorge zu sein, wie wir zwei Monate eingeschränkten Konsum aufholen.

 

Danach werde nichts mehr so sein, wie es war, orakelten die Medien. Und stellten sich dann an die Seite derer, denen an einer Veränderung nicht gelegen ist. Die offene Gesellschaft formierte sich zur Schicksalsgemeinschaft. Die verängstigte Masse war froh, dort Unterschlupf zu finden. Von Anfang an beschworen Politiker die Konflikte mit China. Allen voran Joschka Fischer. Er sprach noch von Handelskriegen. Seine Forderung nach Autarkie der pharmazeutischen Industrie entfaltet ihren Sinn aber erst, wenn man bereit ist, einen heißen Krieg zu führen. Diese Bereitschaft demonstrierte AKK mit der Bestellung atomwaffenfähiger Düsenjäger.

 

In dieser Situation standhaft zu bleiben, erfordert Mut. Kardinal Müller schwört nicht ab: Jeder nennt jetzt jeden Andersdenkenden Verschwörungstheoretiker. Eine Schicksalsgemeinschaft braucht keine Diskussion. Eine Demokratie schon. Ausgerechnet ein Mann der Kirche zeigt Zivilcourage.

 

P. S. Als kürzlich in Hamburg die Gaststätten wieder öffneten, drängten sich die Gäste in der benachbarten Raucherkneipe wie in alten Zeiten. Neu ist die Anwesenheitsliste, die der Wirt führen muss, um Ansteckungswege verfolgen zu können. Dafür habe ich nicht acht Wochen lang in Quarantäne gelebt, beklagte sich eine Nachbarin. Wofür sonst?

 

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