Keine Angst vor RenoviErung

Über sinnige und unsinnige Angst

Wie oft hörte ich in den letzten Wochen, in der Haut der Entscheider wolle man nicht stecken. Lieber gehörte man zu denen, über die entschieden wird. Mögen sich andere über die Profiteure der Krise Gedanken machen, über die verschwörerischen Dunkelmänner, die in ihren Wurstfingern die Fäden halten, an denen wir zappeln. Mit Menschen, die unter allen Umständen überleben wollen, ist nur Staat zu machen und sonst nichts.

 

Was sagt es über dieses Land, wenn sich die Regierungschefin sorgt, wegen der demokratischen Zumutungen, die sie für nötig hält und Bürger gar nicht genug davon bekommen können? Polizisten berichten, die meisten EInsätze erfolgten wegen Anzeigen gegen Nachbarn, die sich nicht an die Regeln halten. Ein Hauch von Volksgemeinschaft oder realsozialistischer Spitzelgemeinschaft. Je nach Gusto.

 

 Als ich 1976 im Proseminar über Heinrich Heine seine Satire auf die deutsche Kleingeistigkeit las, „wo ihrer drei zusammen stehen, da soll man auseinander gehen“, war das ein Ruf aus ferner Vergangenheit. Jetzt ist sein Gedicht brandaktuell. Wie beflissen sie Meldung machten, wenn ihrer drei beisammen standen. Wie sie auf ihre Revierrechte pochten, wenn sich ein Fremder anmaßte, in seiner Zweitwohnung den Lockdown abzuwarten. Was treibt Menschen dazu, eine App zu fordern, die ihre Kontakte speichert? Die nackte Angst.

 

Was hindert uns, gute Nachrichten wahrzunehmen? Die Krankheit ist gefährlich für vorerkrankte alte Menschen. Und doch hielten mir die Besorgten Todesfälle von 40-Jährigen als Beweis für eine allgemeine Bedrohung vor. Diese Fälle sind für Statistiker die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

 

Bei dem Gedanken an Greise an der Beatmungsmaschine wurden Menschen sentimental. Dabei wäre die Versorgung mit Hochleistungsmedizin zu hinterfragen. Nicht weil es die Alten nicht wert wären. Wer mal mit Schulmedizinern über ein würdiges Sterben diskutierte, weiß, was ich meine.  Was bedeutet im Fall der multimorbiden Corona-Opfer Lebensqualität?

 

Hochsensibel fragte ein SZ-Reporter: Darf die Bundesliga wieder spielen, solange das Virus in Deutschland wütet? Wer so einfühlsam ist, sollte die Antwort parat haben. Kein Fußball, solange Kinder hungern und vor Hunger sterben. Alles andere ist Kitsch.

 

Ich erkenne keinen Sinn. Ich erkenne aber die Bereitschaft, da weiter zu machen, wo wir aufgehört haben. Der Spiegel fragte schon vor zwei Wochen: Werden die Deutschen wieder konsumieren wie zuvor. Was sonst? Es ist ja unsere Aufgabe. Der Laden muss laufen. Damit die nächste Katastrophe schneller kommt.

 

Das Ende der Zwangsmaßnahmen könnte die Chance zur RenoviErung der Weltwirtschaft sein. Ich habe Angst vor dem, was passiert, wenn das nicht passiert.

 

Stefan Moes     Schreibtischler

 

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