Wie der Furz im Winde

Über zeitgemäßes Handeln.

Virus hau ab. Klingt doch gut? Ich dachte das könnte – neben anderen Sprüchen – als Graffito auf einem Foto stehen, mit dem die Diakonie eine Bürgeraktion bewerben sollte. Nein, beschied mir die Auftraggeberin. Es müsse heißen Virus verschwinde. Ist, wer höflich auch zum Virus ist, schon auf dem Weg in das freundliche soziale Miteinander, welches Matthias Horx, der Zukunftsforscher jetzt entdeckt und das nach der Krise unser Leben auszeichnen wird?

 

Wir wollen es hoffen, wenn wir es schon nicht glauben können. Der Zukunftsforscher lebt von der positiven Grundierung seiner Aussichten. Alles andere würde seinen Geldgebern nicht gefallen. In seinen Prognosen geht es deshalb auch nicht um Fragen wie: Müssen die Armen reicher und die Reichen ärmer werden, damit alle eine Chance haben zu überleben? Die Welt des Matthias Horx bleibt so, wie sie ist. Denn so, wie sie ist, ist sie gut für ihn und seinesgleichen.

 

Wie gerne würden wir ihm und anderen Freunden guter Nachrichten folgen. Die Sehnsucht nach guten Nachrichten wird womöglich zunehmen. Eine gute Nachricht wäre: du gehörst noch dazu. Du hast noch Besitz. Du hast noch einen Status. Dir sind die Felle noch nicht weggeschwommen. In der Welt des Matthias Horx kommen die anderen, die Schuftenden, die Abgehängten, die Loser der gesellschaftlichen Entwicklung gar nicht vor.

 

Diese Menschen hat der Theaterregisseur, Autor und Philosoph Milo Rau permanent im Blick. Er berichtet aus den Regenwäldern Brasiliens. Von den Bauxitfunden. Sie könnten das Ende dieser grünen Lunge bedeuten. Mit klimatischen Folgen auch für uns. Diese Nachricht passt zu anderen, die uns zeigen: Die gesellschaftlichen Brüche werden tiefer, die Sicherheiten bröckeln. Hat der Freundliche die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen?

 

Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume die Zerstörung der Lebensgrundlagen auf diesem Planeten begreifbar macht? Wo Matthias Horx lässige Großmut wahrnimmt, fallen mir die Hamsterkäufer auf, wo der Zukunftsforscher den postmaterialistischen Müßiggänger erspäht, sehe ich die wachsende Zahl der Überflüssigen, zu denen ich längst zähle als schwerbehinderter Freiberufler mit mehr als 60 Jahren auf dem Buckel.

 

Als junger Mann faszinierte mich Friedrich Hölderlin, ein Unangepasster, der hoch hinaus wollte und nur wenige Werke vollendete. Vor 250 Jahren geboren, sympathisierte Hölderlin mit der Revolution, wie ich vor rund 40 Jahren. Meine war die künftige, seine die Französische von 1789. Man traf sich in Hinterzimmern und politisierte. Hölderlin war hochsensibel, hatte ein Gespür für gesellschaftliche Schieflagen. Und er wusste, auf welcher Seite er als prekär beschäftigter Hauslehrer stand. Objektiv sozusagen. Subjektiv quälte ihn die Verzweiflung, nicht zum Establishment zu gehören. Er dichtete emphatische Oden an die Freiheit.

 

Als ein Freund, dessen radikale Ideen er teilte, als Revolutionär ins Gefängnis geworfen wurde, ging die Angst mit ihm durch. Hölderlin floh in die Krankheit. Uns bietet die globalisierte Welt keine Fluchtorte mehr. Auch das interessiert Herrn Horx nicht. Wahrscheinlich aber Milo Rau und mich. Werden sich die Unterdrückten in den Schwellenländern, die wie wir in dieser Krise verlieren werden, auf uns verlassen können? Weh mir, wo nehm ich, wenn es Winter ist, die Blumen und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde? Dass wir die Barrikaden erklimmen, glauben wir doch wohl selbst nicht.

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