Rauchende Köpfe

Über Widersprüche der Linken

Mein Gegenüber ist 30 Jahre jünger als ich. Sie hat gerade ihr Studium beendet. Anna ist intelligent. Eine engagierte Feministin. Wer in der Doppelschicht etwas zu sagen hat, muss schreien, um das Stimmengewirr und die Musik zu übertönen. Und das in einer Luft, die hier seit den 70er Jahren zu stehen scheint. In Hamburg gibt es noch Raucherkneipen.

 

Als ich jung war, las ich Courage, das Gegenstück der Emma. Deren Frontfrau Alice Schwarzer war für Gleichberechtigung. Auch für Frauen im Militär. Ich wollte kein Militär. Auch kein weibliches. Heute schreibt Alice Schwarzer in der Bild-Zeitung. Eine Ministerin wacht über Generäle, die den begrenzten Atomkrieg vorbereiten, und Bundeskanzler ist seit Menschengedenken eine Frau. Die Courage wollte Emanzipation. Heute wähnen sich Feministinnen am Ziel, weil Angela Merkel die Neujahrsansprache verliest. Ein Leben ohne Courage ist möglich, aber trist.

 

So eine ist Anna nicht. Sie ist mit ihrer Schwiegermutter gekommen, meiner Nachbarin. Annas Eltern sind circa 10 Jahre jünger als ich. Und gehören schon einer anderen politischen Generation an. Für sie ist Rassismus der Kristallisationspunkt. Rassismus macht getroffen. Antirassisten leben deshalb permanent mit schlechtem Gewissen. Sofern ihre Hautfarbe weiß ist. Hautfarbe sei nur ein Konstrukt, belehrte uns vor kurzem eine linksradikale Nachbarin. Wie auch das Geschlecht.

 

In dieser mir fremden Welt geht es darum, authentisch zu sein. Das ist nicht einfach angesichts der vielen Rollenmodelle. Im Mittelalter – las ich kürzlich – hatten die Menschen Sex, aber keine klar definierten Geschlechterrollen. Heute kann jeder und jede sein oder ihr Kästchen ankreuzen. Wir haben ein Geschlecht, selbst wenn wir keinen Sex haben. Das Unstete, das Schillernde, das nicht Fassbare verunsichert. Alles muss zugeordnet, eingeordnet, in Kästchen gepackt werden. Dieses Denken steckt hinter dem Lob der Vielfalt. Es geht um eine Vielfalt, die immer mehr Trennendes entdeckt und feiert und das Verbindende vergisst. Eine einfältige Vielfalt.

 

Das Leben der meisten Menschen gleicht sich auf fast deprimierende Weise. Sie stehen morgens auf, arbeiten den Tag über und legen sich abends schlafen. Das könnte eine verbindende Erfahrung sein. Nämlich wenn man fragt, unter welchen Bedingungen die Menschen dies tun. Dann zeigt sich: Es sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Menschen trennen. Nicht jede hat ein Bett, nicht jeder hat Arbeit, nicht jeder hat genug zu essen. Ob sie das mit den Fingern tut, Stäbchen benutzt oder Messer und Gabel, ist dann nicht mehr im Zentrum. Es ist interessant, aber bei weitem nicht entscheidend.

 

Der junge Eritreer, was der mich lehrt, das Leben mit anderen Augen zu sehen, macht rassistische Erfahrungen. Wie sollte es anders sein. Aber es wäre fatal, sämtliche Erfahrungen auf diesen Begriff zu bringen. Ein Plakat im Fenster der DGB- Zentrale verurteilt Rassismus – ein perfider Verrat oder das Eingestehen, nicht schlauer zu sein als der Zeitgeist. Der junge Eritreer hat erkannt, warum ihn die Kollegen im Hauptwerk besser behandeln als die Kollegen im outgesourcten Betrieb es tun. Die einen sind tariflich gut abgesichert, die anderen leben mehr oder weniger von der Hand in den Mund. Gewerkschaften tragen diese Ungleichheit mit. Sie akzeptieren die Zerschlagung von Tarifrechten. Sie verhindern die Solidarisierung der Benachteiligten, zu denen sowohl die Outgesourcten, als auch der Eritreer gehören. Früher konnten sogar Gewerkschafter den Hauptwiderspruch von Nebenwidersprüchen unterscheiden. In der Doppelschicht liegt dieses Wissen noch in der Luft.

 

Anna ereiferte sich über eine Linke, die Denkverbote ausspreche und über manche Aktivisten, die - zum Beispiel, wenn sie in die Wohnungen politischer Gegner eindringen - von Nazis nicht zu unterscheiden seien. Ansichten, die ich teile. Ich fragte sie dann noch, ob FK Wächters Humor heute noch möglich wäre. Sein Frauenfreigelände Dingolfing zum Beispiel. Sie denkt darüber nach. Wir bleiben dran.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0