Glaube, Liebe, Hoffnung

Der FC St. Pauli ist schuld, dass ich so bin

Dem Mann auf der Kanzel der St. Pauli Kirche gehören die Herzen der Fans des FC St. Pauli. Vor rund 40 Jahren ein Linksaußen auf und neben dem Platz, galt Ewald Lienen auch als Trainer immer als unangepasst. Authentisch rüber zu kommen und als „Rebell“, das Image des Zweitligisten zu pflegen, ist jetzt seine Aufgabe. Er werde „fürs Denken bezahlt“, sagte er zur Eröffnung der Ausstellung „Der FC St. Pauli im Nationalsozialismus“.

 

Ewald Lienen hatte bei seiner Eröffnungsrede das Bedürfnis, von sich zu erzählen. Acht Jahre nach Kriegsende geboren, sei er geprägt vom Leid, das dieser Krieg verursachte. Die Eltern hätten geschwiegen. Sein Vater habe den Schmerz in sich hineingefressen. Er litt in der Hölle von Stalingrad. Die von den Russen eingekesselte Stadt konnte er glücklicherweise mit einem der letzten Transportflugzeuge verlassen. Als gebrochener Mann sei er früh gestorben. Wenn ein fast 70-Jähriger erschüttert die Gefühle seiner Jugend durchlebt, bewegt vom Leid seiner Eltern, den Tränen nahe, wirkt das authentisch. Und darauf kommt es heutzutage an. Aber mich berührt er damit nicht. Er irritiert mich. Wie kann man so unkritisch alles, was inzwischen bekannt ist, ignorieren?

 

Geschichten wie die von Ewald Lienen werden in fast allen deutschen Familien erzählt. Darin ist der Krieg etwas Böses, das über die Menschen kommt. Täter fehlen. Ewald Lienen ringt um Worte, wie als 18-jähriger Kriegsdienstverweigerer vor der Kommission, die sein Gewissen prüft. Kriege produzieren nur Opfer. Diese Botschaft ist ihm wichtig.

 

Mein Vater wurde 1914 geboren, wie der Vater von Ewald Lienen. Auch er machte den Feldzug gegen die Sowjetunion mit. Auch er erzählte wenig von seinen Kriegserlebnissen. Als Feuerwerker war er im Hinterland der Front aktiv. Mich beruhigte das lange, weil ich an die besonnenen Männer dachte, die im Ruhrgebiet Blindgänger aus dem Weltkrieg entschärften.

 

Das Schweigen der Väter interpretierte auch ich als eine Folge des erlittenen Leids. Ohne Zweifel litten die Soldaten. An der Kälte, den tagelangen Märschen, den Schikanen der Vorgesetzten. Aber etwas Anderes wird ihnen noch mehr zu schaffen gemacht haben. Sie waren nicht nur Opfer. Sie waren vor allem Täter. Sie gehorchten. Sie führten Befehle aus. Sie töteten, hinterließen verbrannte Erde. Darüber sprachen unsere Väter nicht. Was hatten sie überhaupt in Russland verloren?

 

Ich glaubte lange an das Märchen von der „sauberen“ Wehrmacht. Die Verbrechen schrieb ich der SS zu. Das entsprach der offiziellen Geschichtsschreibung. Erst in den 90er Jahren, nachdem ich die Wehrmachtsausstellung von Hannes Heer gesehen hatte, begriff ich den Schrecken dieses Krieges. Die Ausstellung zeigte Fotos von deutschen Soldaten, die stolz ihre Beute präsentierten. Auch  Hinrichtungen von Zivilisten fotografierten sie. Sie waren stolz auf ihre Taten.

 

Seitdem kann ich niemandem mehr glauben, nichts gewusst zu haben. Bis dahin hatte ich mich beruhigt, indem ich nicht genau nachfragte. Aber die Wehrmacht führte Hitlers verbrecherische Befehle aus. Sie führte einen „Vernichtungskrieg“. Soldaten führten „Aktionen“ gegen Juden durch.

 

Fest steht, die Verbrechen geschahen hinter der Front. Dort, wo ich mir meinen Vater auf seinem Pferd reitend vorgestellt hatte. Der Historiker Christopher Browning hat die Geschichte eines Polizei-Regiments aus Hamburg erforscht. Sie sollten jüdische Zivilisten erschießen. Eine stundenlange qualvolle Prozedur, wohlgemerkt für die Täter, so sahen sie das anschließend. Die Wehrmachtssoldaten, vor und nach dem Krieg brave Bürger und fürsorgliche Familienväter, meldeten sich alle freiwillig. Nicht aus Fanatismus, sondern aus Angst, sich auszugrenzen.

 

Mein Vater machte Andeutungen über gesprengte Brücken auf dem Rückzug – ein Kriegsverbrechen. Er starb, als ich 19 war, für mich war der Krieg selbst das Verbrechen. Ich verstand nicht, wie man es regeln sollte. Heute frage ich mich: Dieser ruhige, zivile Mensch kann nicht im Gleichschritt marschiert sein und Befehle gebrüllt haben. Mit dem Wissen von heute wüsste ich gern von ihm, wie das alles zusammenging.

 

Die Väter und Großväter geben fast alle an, nicht geschossen zu haben. Dagegen spricht die Zahl der Toten. Und auch das bleibt unerwähnt: Der Krieg war ein Raubzug, der nicht nur die großen Unternehmen reich machte. Fast jeder Volksgenosse profitierte in den Anfangsjahren des Krieges. Dann kamen die Bomber und legten die Städte in Schutt und Asche, dann standen die Russen in Berlin. Und das deutsche Volk, führergläubig bis zum Schluss, leckte seine Wunden.

 

Das geht so bis heute. Allen Denkmälern und einer hochentwickelten Erinnerungskultur zum Trotz. Roger Willemsen fasste den Umgang mit der Schuld so zusammen: „Erinnern, um zu vergessen“. 

 

Deutsche trauern nicht um die 20 Millionen Toten der Sowjetunion. Deutsche wissen nichts über die deutschen Bomben, die Rotterdam, Warschau und andere Städte zerstörten. Sie haben keine Ahnung vom Leid der Menschen im belagerten Leningrad. Sie haben noch nie gehört, dass die deutsche Wehrmacht 3,4 Millionen russische Kriegsgefangene (für die Nazis waren sie „Untermenschen“) planmäßig verhungern ließ. Die Nachgeborenen haben nicht den Mut, genau hinzusehen. Die Deutschen machen sich zu Opfern, weil sie die Wahrheit nicht ertragen.

 

Die Ausstellungsmacher fragen, was aus dem FC St. Pauli geworden wäre, wenn er sich den Nazis verweigert hätte, statt sich anzubiedern. Eine wichtige Frage. Darauf gingen die Redner bei der Eröffnung nicht ein. Pastor Martin Paulekun sprach lieber über Glaube, Hoffnung, Liebe. Ja, die brauchen wir. Dabei wissen wir: die „Deutschen Christen“ glaubten an den geliebten Führer. Fast alle Deutschen hofften auf den Endsieg. Als bereits Kinder und Alte rekrutiert wurden, hofften sie noch auf die „Vergeltungswaffen“, die Raketen „V 1“ und „V 2“. Aus Glaube, Hoffnung, Liebe hatten sie jede Moral verloren (nur nicht die Kampfmoral). Hitler war enttäuscht und ließ sie im Stich. Sie hatten ihn nicht verdient. Endlich ohne ihn, auf den so viele vereidigt waren, nutzten die Volksgenosen die Gelegenheit und schoben alles auf ihn.

 

Immer wieder höre ich, man könne die Vorfahren nicht für ihr Mitlaufen vor dem Krieg und für das Mitmachen im Krieg kritisieren: „Ich weiß ja nicht, wie ich mich verhalten hätte.“ Das weiß ich natürlich auch nicht. Aber ich weiß doch, ob ich im Berliner Sportpalast „ja“ geschrien hätte, als Goebbels fragte: „Wollt Ihr den Totalen Krieg?“ Wer meint, er könnte mitschreien, ist ein Faschist. Auch, wenn er sich anders sieht. Authentisch zu sein ist nicht alles.

 

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