Mangel an Distinktion

Hauptsache, die Preise verstehen sich. Über die Schwierigkeit, nüchtern zu bleiben.

Poesie der Hotelwerbung, Teil zwei

Manche trinken sich den Partner oder die Partnerin schön. Andere sind naturstoned und reden ohne Anlass generell in höchsten Tönen. Ihnen ist ein Ereignis schon deshalb die Lobeshymne wert, weil sie es erlebt – besser gesagt, genossen haben. Manch eine und manch einer schraubt sich dabei verbal in nie gekannte Höhen. Eine Mahlzeit wird dann zum kulinarischen Event, wenn nicht zum Gourmet- Genuss. Der Absturz ist programmiert. Und er ist hart.

 

Das Strandhotel Seerose liegt laut Prospekt direkt am Ostseestrand. Damit kann jeder und jede etwas anfangen. Wie von selbst hört man die Rufe der Badenden, vielleicht das Rauschen der Wellen. Man sieht die flirrende Sommerluft. Und man stellt sich vor, mit wenigen Schritten vom Bett ins Meer zu gelangen. Ganz früh, noch vor dem Kinderlärm. Ganz so wie in einem Verwöhnurlaub. Aber was ist das? Verwöhnurlaub heißt das Angebot, das der Prospekt macht.

 

Verwöhnt waren in meiner Kindheit Weicheier oder Einzelkinder. Damit war es ein eindeutig negativ konnotierter Begriff. Was nicht gegen das Wort spricht. Denn die Richtung der damaligen Erziehung gab ein Ratgeber aus den 30er Jahren vor, demzufolge die Jungen flink wie die Wiesel und hart wie Kruppstahl sein sollten.

 

Diese Pädagogik ist heute chancenlos. Das können wir festhalten. Wir sollten keine Möglichkeit zur Freude auslassen. Was heute von Touristen erwartet wird, ist auch so nicht ohne: Lassen Sie den Alltag einfach mal neben sich liegen. Hier vermisse ich als Opfer meiner Erziehung den Hinweis auf eine diebstahlsichere Ablage. Die Gastgeberfamilie Schulz ist stolz auf eine vielfältige Auswahl an attraktiven Urlaubsangeboten für Ihre Reiseplanung. Da fehlt doch was? Ja, ein Adjektiv können die Urlauber erwarten, nämlich die individuelle Reiseplanung.

 

Das haben die Schulzens auch bemerkt und schreiben im nächsten Satz: Genießen Sie (…) Ihren ganz (sic!) persönlichen Verwöhnurlaub (…) und erleben Sie erstklassige Wohlfühlmomente. Urlaub ist schließlich Quality time, die auf Augenhöhe mit dem Distinktionsgewinn verbracht werden sollte. Anders als in den finsteren Zeiten, als die Gäste und Freunde der Seerose ihre Arbeitskraft in drei oder vier Wochen wieder herstellen mussten, reichen heutzutage schon sieben Tage.

 

Distinktion sagte man damals nicht. Aus Angst, jemand könnte die Nase rümpfen, weil er die Waschräume in der Nähe vermutete. Familie Schulz hatte beim Texten vielleicht noch das Wording der DDR-Gastronomen im Ohr. Meine Familie und ich sowie das gesamte Hotelkollektiv hoffen, dass unsere Angebote Ihren Vorstellungen entsprechen und wir sie schon bald in der „Seerose“ begrüßen dürfen. Ja, Sie ahnten es, in der Mangelwirtschaft gab es nicht einmal für jedes Hauptwort ein Beiwort. Es war nicht alles schlecht im realen Sozialismus.

 

 

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