Erloschene Sonnen

ÜBER DEN VERLUST MEINER POLITISCHEN HEIMAT

München, wohin es mich für ein paar Tage verschlagen hatte, ist eine tolle Stadt. Für Menschen mit Geld. Hier lassen sich die Reichen kein schlechtes Gewissen einreden. Man zeigt, was man hat. Den Unterschied zu anderen reichen Orten macht der Münchner Fußballverein FC Bayern vor. Gerät der in eine Krise, gewinnt er einfach wieder.

 

Hier oder am Neuen Wall in Hamburg (von Düsseldorf zu schweigen), wo die Reichen konsumieren, bleibt die Armut draußen. Aus den Augen aus dem Sinn. Wer hier kauft, zahlt gerne mehr als anderswo. Die Preise sind hoch, damit die Kunden sich beim Bezahlen ihren Status bestätigen können. Sie schaffen sich ihre privaten Bereiche, indem sie das Hausrecht auf die Straße ausdehnen. No-go-areas für arme Leute. Sie begrüßen Zuwanderung von Flüchtlingen und von Arbeitswilligen aus der Peripherie der Europäischen Union. Wenn sie spenden, um den Fluchtweg über das Meer offen zu halten, ist das ein schönes Beispiel dafür, dass sich Humanität und Geschäftssinn nicht ausschließen.

 

Im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses entzaubert Thomas Ebermann die Heimatliebe. Sie sei ein Produkt des Nationalsozialismus. Das mag in Deutschland so sein. Was bedeutet das aber für die Menschen, die der Kapitalismus weltweit entwurzelt. Dazu äußern sich Linke wie Ebermann nicht mehr, sie schmoren im antideutschen Saft. Nach einem Ausflug nach Bonn, wo er sich für die Grünen ins Parlament setzte, um zu erleben, was er hätte wissen können, kehrte er nach Hamburg zurück. Ist schließlich seine Heimat.

 

Als Kommunist sei er macht- und ratlos, verkündet Ebermann, Schickt aber noch etwas völlig Unerhörtes hinterher: Unsere Aufgabe sei es, allen, die zu uns flüchten wollen, die Ankunft zu ermöglichen. Dazu sei jedes Mittel recht.

 

Die indischen Adivasi, die Ureinwohner des Subkontinents, machen aus Sicht der ehemaligen Internationalisten etwas falsch, wenn sie sich unter großen Gefahren gegen den Abbau von Bauxit durch ein europäisch/indisches Konsortium wehren. Statt um ihre Lebensräume zu kämpfen, um den Erhalt ihrer sozialen Strukturen, sollten sie nach Deutschland aufbrechen. Das sei polemisch, höre ich. Ja und?! Ich habe nur Ebermann zu Ende gedacht.

 

Die Flüchtlinge folgten in der Mehrzahl dem Lockruf des Geldes. Hier in der Münchner Innenstadt wird die Perfidie dieser Verlockung deutlich. Man macht den Menschen Hoffnung. Dabei ist kaum jemand bereit, sie zu erfüllen. Wenn die Löhne weltweit sinken sollen, sind Menschen vorbildlich, die sich durch die Wüste und über das Mittelmeer wagen, unter oft jahrelangen Entbehrungen, unter Lebensgefahr, um dann in Hamburg klaglos und von niemandem beklagt, Flaschen zu sammeln. Auf Baustellen sieht man immer mehr Arbeiter ohne jeden Schutz vor Lärm und Verletzungen - Migranten, die billig und willig ihre Körper ruinieren.  Was in den Schlachthöfen los ist, spottet jeder Beschreibung. Ebenso was Migranten sich zumuten an Kaufhauskassen, in Hotels und Restaurants. Sie kommen von immer weiter her und geben ihre Heimat auf – für einen Hungerlohn.

 

Noch immer strahlen Linke soziale Wärme aus. Doch wer genauer hinsieht, bekommt den Eindruck, als sei der helle Schein das Restlicht einer längst erloschenen Sonne. Am Hamburger Hafenrand haben sich Linke ein Haus erstritten, direkt am Hafenrand praktizieren sie kollektives Stadtleben. Ein erfolgreiches Beispiel von „Politik in erster Person“. Nicht, dass sie sich einen Heimatort schaffen, werfe ich ihnen vor. Aber dass sie auf einem Plakat an der Fassade für weltweite Migration werben, ist schändlich. Diese Linken begründen ihr Engagement für Flüchtlinge nicht. Sie finden Flexibilität gut. Hauptsache mobil, ob als Flüchtling, als Weltbürger oder als Tourist. Sie wissen ja, wo sie zu Hause sind.

 

Flüchtlinge sind Vorboten tiefgreifender Änderungen. Was sie erleiden, Ihre erzwungene Heimatlosigkeit, erscheint wie ein Vorgriff auf das, was uns blühen kann. Das scheint den meisten aber unvorstellbar zu sein. Hier käme niemand auf die Idee, sein Leben zu ändern. Hier werden Lebensläufe noch langfristig geplant. Nicht einmal die Szenarien des Klimawandels scheinen Folgen für das Privatleben zu haben. 

 

Aus diesem Geist der Verleugnung, die ihrerseits vermarktet werden muss, entwickelte sich eine Klima-Kampagne als PR-Mega-Projekt. Ein Mädchen, dessen Gesicht die Marke des guten Gewissens werden soll, reist dafür um den Erdball. Sie spricht aus, was jeder weiß und fordert Maßnahmen von Regierungen, die sich seit Jahrzehnten weigern, etwas Grundsätzliches zu tun.

 

Die Klimaschützer mit ihren Freitagsdemos wollen uns weismachen, Veränderungen ließen sich per Mouse-Klick erreichen. Das haben sie mit der Politik der Flüchtlingshelfer gemeinsam. Es bleibt bei symbolischen Aktionen. Kein Versuch, Landraub deutscher Konzerne in Afrika zu verbieten. Keine Aktion gegen die Zerstörung afrikanischer Landwirtschaft durch billige EU-Exporte. Die Fluchtursachen bleiben. Und die Europäern leben weiter in der Illusion, ihr Leben bleibe von all dem nicht berührt.

 

Wenn Linke offene Grenzen fordern, hält das Argumenten kaum stand. Das irritiert sie nicht, Ihnen reicht es, sich moralisch im Recht zu fühlen. Ihre Kritiker stellen sie in die rechte Ecke. Die Debatte über Flucht, Integration, Vielfalt ist gar keine. Geredet wird, was den Moralisten passt. Sie scheinen mit der Moral die Wahrheit gepachtet zu haben. Dabei überlassen sie es den staatlichen Stellen, unbehelligt die Mauern hochzuziehen. Deutschland zwingt die Menschen, ihre Heimat zu verlassen und wehrt sie zugleich ungerührt ab. Wie wenig die hergebrachten Etiketten noch aussagen, zeigt Angela Merkel. Sie schafft es, links und rechts zugleich zu sein. Insgesamt eine saubere Arbeitsteilung, sehr deutsch und sehr zum Schaden für die Menschen in den unteren Etagen der Gesellschaft. Dazu gehören auch die Flüchtlinge.

 

Ein kluger Mensch sagte auf meine Frage, ob die Flüchtlingsvereine das letzte Glied in der Schlepperkette seien, sie seien es wohl. Er sprach sich damit nicht gegen humane Rettungsaktionen zum Beispiel im Mittelmeer aus. Wohl aber dagegen, so zu tun, als erschöpfe sich damit die politische Aktion. Die fängt ja dann erst an. Nämlich mit dem Eingeständnis: Heimat ist nicht, was man bewahrt. Wer so tut, als ließe sich Heimat bewahren, täuscht sich und andere über die Realität hinweg. Man muss sie erst schaffen. Wie das gehen soll, weiß ich ebenso wenig wie Thomas Ebermann.

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