Eben noch am Abgrund

Gedanken zu einer Darstellung meiner Situation.

Wo anfangen? Irgendwo. Die losen Enden liegen überall herum. An jedem dieser Enden hängt ein Knäuel. Ich muss nur eines aufnehmen und aufdröseln.

 

Das erste Ende ist das naheliegende, Morbus Parkinson. Seit ich weiß, woran ich leide, lebe ich in einer eigenen Welt, dem Reich der Patienten. Als Mensch mit einer Diagnose treffe ich andauernd Leute, die mir sagen, was gut für mich ist. Noch öfter treffe ich Menschen, die so verunsichert sind, dass sie gar nichts mehr sagen. Ich frage mich jeden Tag, wo fängt mein Ich an, wo hört die Krankheit auf? Parkinson sei in erster Linie eine Kommunikationseinschränkung, las ich mal. Da ist was dran.

 

Der Text, an dem ich arbeite, handelt nicht von mir. Ich beschreibe eine Idee. Sie kam mir im Halbschlaf. Diese Idee will ich entfalten. Denn sie berührt mein Lebensgefühl, meine Art zu denken, meine Art, mich zu verhalten.

 

Vorher möchte ich noch einen losen Faden aufnehmen. Ich lese gerade Grenzen der Demokratie von Stephan Lessenich, erschienen bei Reclam in der in der verdienstvollen Reihe Was bedeutet das alles? Womöglich ist dieser Münchner Professor der letzte Radikale im öffentlichen Dienst. Also einer, von dem ich sage, der hat gut radikal sein. Das kostet ihn nichts. Der ist versorgt. Und wenn ich das sage, weiß ich, wie froh ich über jeden bin, der klar denkt. Und sein Wissen weitergibt.

 

Die Geschichte, die ich erzählen will, ist aus meiner Sicht die beste der letzten Zeit. Sie betrifft A., einen jungen Mann, der mein Herz erwärmt. Der jetzt 21-jährige Afrikaner verdankt seiner Entschlossenheit die Chance seines Lebens. Mit 14, 15 Jahren begab er sich in die Hände krimineller Schlepperbanden. Sie sorgten für den Transfer durch die Sahara übers Mittelmeer nach Hamburg.

 

Dort hatte er nach zwei Jahren das Glück, mich zu treffen. So wie ich es als Glück empfinde, ihn getroffen zu haben. Er lebt seit dem 1. Oktober bei uns. Von ihm träumte ich eines Morgens. Genauer gesagt, stand im Prozess des Erwachens ein Gedanke vor meinem inneren Auge.

 

Es ging in dem Traum um die Frage: Was kann ich einem jungen Menschen raten angesichts einer Gesellschaft, in der die Veränderungsprozesse an Fahrt zunehmen? Denn selbst wenn man nicht weiß, wie es weitergeht (und wie sollte man das wissen?), ahnen wir doch die tiefgreifenden Änderungen, die das Leben jedes einzelnen umpflügen werden. Das ist das Mindeste, was man sagen kann.

 

Wie spricht man darüber, ohne die Lust am Leben und an der Zukunft zu verlieren? Macht man wie die meisten Menschen business as usual, steckt man den Kopf in den Sand? Verbringt man die kurze Zeit ohne Furcht, indem man sich aus dem Streit der Welt hält, wie es Bertolt Brecht noch für möglich hielt? So schlau wie Brecht sind wir Nachgeborenen allemal.

 

Seine finsteren Zeiten waren höchstens dämmerig verglichen mit unserer Epoche der (geleugneten oder ignorierten) Klimakatastrophe und der Re-Militarisierung, die, dem Konzept der counterinsurgency folgend, jeden Bürger zum potentiellen Terroristen erklärt.

 

Sind die, die so ruhig durchs Leben gehen, noch erreichbar für ihre Freunde, die in Not sind? Diese Zweifel spreche ich in das internetbasierte Diktiersystem, von dem ich nicht annehme, es zeichne meine Gedanken auf und lagere sie auf irgendeinem Server in irgendeinem rogue state, irgendwo auf der Welt. Dabei ist das technisch längst möglich.

 

Noch mal zurück zu Parkinson. Die Krankheit bildet sozusagen die Grundierung aller meiner Überlegungen: was bedeutet es, krank zu sein? Krank bin ich, weil ich abhängig bin. Weil ich es nicht selbst in der Hand habe, mein Leben zu gestalten. Mit dieser Definition finde ich keine Gesunden, könnte man jetzt einwenden. Ich verstehe den Einwand.

 

Gesund zu sein, wäre dann ein Gemütszustand. Oder eine Kraft: nämlich die Energie zu haben, sich durch die widrigen gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht lähmen zu lassen. Die Frage wäre dann: womit kann ich zu A.s Handlungsfähigkeit beitragen?

 

Als ich A. Ende April 2017 kennenlernte, sprang der Funke gleich über. Mir war sofort klar, es mit einem außerordentlich intelligenten Menschen zu tun zu haben. Er war vollständig auf sein Ziel fokussiert, schnell Deutsch zu lernen. Diese Entwicklung habe in zwei Artikeln für die Onlineplattform männerwege festgehalten.

 

A. befindet sich inzwischen im zweiten Ausbildungsjahr in einem Betrieb im Hamburger Hafen. So weit kommen nur wenige Flüchtlinge. Und selbst A,, diszipliniert, hochkonzentriert und fleißig, hat – trotz intensiver und engmaschiger Betreuung – nur mäßige Chancen, den Abschluss zu schaffen.

 

Wenn schon ein „Musterflüchtling“ wenig Aussicht auf Integration in die Mehrheitsgesellschaft hat, wie steht es dann um die Mehrheit der Menschen, die hier ihr Glück machen wollen und von Glück reden können, wenn sie – wie von der Politik angestrebt – die Integration ins Hilfesystem schaffen?

 

Von mir gibt es auf den ersten Blick also wenig Neues. Ich habe schon 2016 diese Kritik formuliert. Neu sind die Konsequenzen, über die ich nachdenke. Wir brauchen soziale und bildungspolitische Phantasie. Nachdem ich einmal den Unterricht in einer Flüchtlingsklasse einer Hamburger Berufsschule beobachtet hatte, notierte ich: Hier werden mit großem Aufwand Hoffnungen begraben.