Heimat ist, wo niemand je war

 

 

Über Udo- und Utopien. Geschrieben im Juli 2019.

Im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses lauschen Menschen über sechzig dem ehemaligen Bundestagsabgeordneten der Grünen, Thomas Ebermann. Er sei Kommunist, erklärt er. Viele seiner Fans waren oder sind es auch. Und wie er wirken sie ärmlich und verlebt. Eine linke Zukunftsvision verbindet die Menschen nicht mehr. Er sei ohne Hoffnung, verrät Ebermann. Der Kette Rauchende ist klug. Man hört ihm gern zu und sieht ihn eingenebelt wie die Diskutanten damals im Audimax irgendeiner einer Universität. Bis er zum Schluss etwas völlig Unerhörtes sagt: Es mögen alle, die zu uns fliehen wollen, auch hier ankommen. Unsere Aufgabe sei es, ihnen die Ankunft in Deutschland zu ermöglichen. Dazu sei jedes Mittel recht.

 

Die Menschen um die 60, die in die Dortmunder Westfalenhalle pilgern, wirken frischer als die im Malersaal. Die Nachfahren der Malocher haben gesunde Jobs. Den blauen Himmel über dem Ruhrgebiet, den Willy Brandt 1974 versprach, genießen sie jetzt. Die Stahlwerke produzieren Dreck und graue Luft längst anderswo. In China zum Beispiel. In der wunderbaren Halle huldigen die jung Gebliebenen dem ewigen Jungen Udo Lindenberg. Sein Markenkern: Ich bin mir treu geblieben und bin einer von euch. Der Selbstgerechte singt für jede Menge Money auch in diesem Palast.

 

Im Ruhrgebiet der 60er Jahre aufgewachsen, war mir die Westfalenhalle durch Bilder von Sechstagerennen bekannt. Jetzt sitze ich da, wo früher Rudi Altig durch die Rauchschwaden raste. Die Gegenwart schwappt als gigantische Videoinstallation in die Halle. Raketen, Krieg, Plastiktüten im Meer, tote Vögel. Jets fliegen auf das Publikum zu, Düsenlärm dröhnt. Alles um zu sagen, was jeder spürt: WENIGER WÄRE MEHR.

 

Ohren zu und durch

 

Die Überwältigten in der Halle suchen hier ein vergangenes Gefühl, ein irgendwie links empfundenes Heimatgefühl. Fürs Gemüt. Leben will man lieber im Hier und Jetzt der Konsumgesellschaft. Die Lautstärke, die Show, die Familieninszenierung von Udos Panikband (die KINDER, die er auf die Bühne holt): alles überwältigt: nichts lässt Platz für Gedanken. Die Texte versteht nur, wer sich die Ohren zuhält. Und wer sie hört, versteht die Welt nicht mehr. Wie kann ein solcher Politkitsch Menschen begeistern?

 

Udo, der Maulheld, springt auf jeden Zug, lädt die Gender-Betroffenen auf und die Klimademonstranten. Seine Show konterkariert jedes nachdenkliche Wort. Immer volles Rohr. So wie ja auch im echten Leben jede gute Idee zur Einsparung von Rohstoffen nur weitere Produktionsschübe nach sich zieht. So führt der Verzicht aufs eigene Auto nicht zu weniger Verkehr. Denn nun müssen an jeder Ecke Autos, E-Räder und E-Roller bereit stehen. More of the same: Das ist nun mal der Motor des Kapitalismus.

 

Nur ahnt inzwischen jeder: das geht so nicht weiter. Die Zeiten, in denen alles noch besser wurde, scheinen vorbei. Die Gesellschaft ist mehr denn je gespalten. Seit 2015 mache sich ein Bruch im gesellschaftlichen Gefüge bemerkbar, schreibt Cornelia Koppetsch in ihrem aktuellen Buch Die Gesellschaft des Zorns, in dem sie den Aufstieg der Populisten analysiert.

 

Die Medien stimmten die Gesellschaft auf kommende Flüchtlingsströme ein. Meine Kollegin Agnes Handwerk und ich berichteten damals für den NDR Hörfunk über die Illusion einer Win-Win-Situation. Die Flüchtlinge sollten die Solidarsysteme retten, so die Botschaft. Wir hielten das für unwahrscheinlich.

 

Jetzt lese ich die Analyse von Frau Koppetsch und finde dort vieles, was wir frühzeitig angesprochen haben. Aber jetzt sind die Rechten nicht mehr ein paar versprengte Ostdeutsche. Sie sitzen in allen Parlamenten und treiben die liberalen Parteien vor sich her.


Das Geld bewegt sich frei. Und die Menschen?

 

Die damalige Grenzöffnung für Flüchtlinge sei ein Symptom der Krise, aber nicht die Ursache. Der Nationalstaat verliere seine prägende Kraft. Technische Neuerungen, Supranationale Entwicklungen und europäische Entscheidungen schafften neue Wertigkeiten. Internationale Konzerne seien nicht mehr auf gut ausgebildete, national organisierte Stammbelegschaften angewiesen. Sie lassen da produzieren, wo es gerade am billigsten ist. Auf allen gesellschaftlichen Ebenen drohe sozialer Abstieg. Die Angst davor nutze die AfD. Der Linken gelinge das nicht mehr, weil sie sich den Neoliberalen angeschlossen habe.

 

Mir fallen die jungen Demonstranten in der Hamburger Fußgängerzone ein, die mit der Freizügigkeit des Kapitals das Recht der Menschen auf Migration begründeten. Ein Recht, da zu leben, wo man seine Wurzeln hat, sieht weder der moderne Kapitalismus, noch das Programm der Linken vor. Die indischen Ureinwohner, die ihre Berge gegen die westlichen Aluminiumkonzerne verteidigen, hätten sich früher der Unterstützung durch Linke sicher sein können. In deren Augen verhalten sie sich heutzutage falsch. Sie sollten sich auf den Weg nach Deutschland machen.   

 

Alle sollen kommen und bleiben dürfen, forderten Studierende der Universität Hamburg bei einem Poetry Slam gegen Rassismus. Ihre Texte, die sie in der St. Pauli-Kirche in Hamburg lasen, zeigten eine einfache Weltsicht: sie, die Antirassisten, sind die Guten. Alle anderen sind Rassisten, Egoisten, Nazis. Davon handelte eine Fabel, an deren Ende die guten und die geflohenen Tiere gemeinsam den bösen Einheimischen isolieren und so lange reizen, bis er platzt. Unter dem tosenden Applaus der Kirchenbesucher. Das ist die Kehrseite der multikulturellen Idylle. Wer oder was stört, muss weg. Zur Not mit Gewalt, wenn auch nur phantasiert.

Die Linken auf der Flucht vor der Realität

 

Auch Thomas Ebermann begründet sein Engagement für Flüchtlinge nicht. Mobilität ist Trumpf, ob als Flüchtling, als Weltbürger oder als Tourist. Dem Bedürfnis nach Heimat kann der in Hamburg Beheimatete nichts abgewinnen. Sein Buch zum Thema nennt er eine „Entwurzelung“. „Halts Maul, Deutschland!“ ist für ihn wie für viele Linke die Entsprechung zum „Refugees Welcome“.

 

Die Feuerzeuge schwenkende Menge beim Lindenbergkonzert zelebriert Heimatgefühle und sieht sich heimatlich aufgehoben in der guten alten Zeit der BRD. Heimat sei zentral in der aktuellen politischen Auseinandersetzung, stellt Frau Koppetsch fest. Die gesellschaftlichen Verlierer aller sozialen Schichten stellen sie sich als Staatsgebiet vor, dessen Grenze geschützt werden muss.

 

Die kosmopolitischen Befürworter der Migration suchen nach Distinktion, grenzen sich kulturell ab. Das bleibt nicht auf Weltbilder beschränkt, sondern hat handfeste Folgen: innerhalb der Gesellschaft ziehen sie unsichtbare Grenzen, indem sie teure Wohnviertel und gute Schulen für sich reklamieren. Die Wohlhabenden sorgen für gesellschaftliche No-Go-Areas.

 

Thomas Ebermann, der ratlose Kommunist, ist weiterhin produktiv. Und die alten Rituale von Kritik und Selbstkritik hat er auch noch drauf. In seinem neuen Buch untersucht er, was Linke zur Heimat geschrieben haben und weist allen nach, dass sie infiziert sind vom falschen Bewusstsein. Seine Heimat ist der Schmollwinkel.

 

Interessanterweise bleibt das soziale Sicherungssystem an den Nationalstaat gebunden, schreibt Frau Koppetsch. Deshalb wollen die Flüchtlinge nach Deutschland. Sie kennen und verfolgen ihre Interessen. Die Linken scheinen keine zu haben. Wie lange eine sozialstaatliche Insel den Stürmen der Globalisierung trotzen kann, interessiert sie nicht. Der Sozialstaat ist ihnen herzlich egal. Ganz wie beinharten Neoliberalen, denen der Sozialstaat ein Anachronismus ist.

 

Wie weit sich Politiker von ihren Wählern entfernt haben, zeigte der Kasseler Regierungspräsident. Walter Lübcke verteidigte in einer Bürgerversammlung die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel. "Wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen". Ein Raunen sei durch den Saal gegangen, Buhrufe, dann lauter Protest, berichtete die Süddeutsche Zeitung. Es war eine skandalöse Äußerung. Eine Provokation für Demokraten. Und es hätte der Auslöser einer Debatte über Heimat und den Umgang mit politischen Gegnern werden können.

 

Die erstarkten Faschisten kamen einer Diskussion zuvor. Und haben sie vermutlich bis auf Weiteres tabuisiert. Denn sie machten Ernst und ermordeten Walter Lübcke. Mit ihren Gewalttaten haben sie das Land längst fest im Griff. Jetzt gilt: Wer sich öffentlich äußert, macht sich angreifbar. Für Mörder.

 

Und die Utopien?

 

Anfang der 90er Jahre, nach Rostock Lichtenhagen, sagte mir ein Mitglied des Hamburger Flüchtlingsrates, wenn durch den weiteren Zuzug armer Menschen die Sozialkassen leer würden, beschleunige das die Revolution. Es gab damals eine Theorie, die besagte, es müsse den Menschen richtig schlecht gehen, damit sie den Umsturz wagen. Der Fehler scheint zu sein, dass in Zeiten der Verunsicherung nicht die Linke, sondern die Rechte erstarkt.

 

Was wird derweil aus unseren Utopien? Wird wenigstens wahr, dass wir alle viel älter werden als unsere Vorfahren? Der Blick in den sich lichtenden Freundes- und Bekanntenkreis begründet Zweifel. Udo schreckt das nicht. Der Sänger will nicht älter werden, sondern ewig jung bleiben. Er lädt seine Fans bereits für seine Tournee 2046 ein: da wird er hundert. Eine „geile Udopie“. Trifft er doch den Nerv. Heiter weiter. Laut und gedankenlos. Gegen den Klimawandel protestieren und gleichzeitig so viel konsumieren wie noch nie. Lasst es krachen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Bernhard Valta (Dienstag, 12 November 2019 11:15)

    Hallo Hr. Moes,
    wollte nur mal anmerken, dass ich Ihre ausgewogene Betrachtungsweise sehr schätze. In Gabrowo, Bulgarien, gibt es das „Haus des Humors und der Satire“. Dort sagt man: „Die Welt überlebt, weil sie lacht.“
    Mehr kann man heute zu diesen Welt-Verirrungen nicht sagen.
    Schönen Gruß vom steirischen Schreibtischler.
    Bernhard Valta