Erinnerungen an vergilbte Gardinen

Über Lebenswerke

Das Erreichen des Rentenalters lässt wahrscheinlich jede Betroffene einhalten. Wir schauen zurück auf unser Lebenswerk. Was hat es gebracht, außer einem erschreckend geringen Rentenanspruch?

 

Manch eine hat etwas Besonderes vorzuweisen. Wenn auch nur im kleinen Kreise. Die Altonaer Filmemacherin Barbara Metzlaff zeigte vor zwei Wochen einen ihrer Filme im neuen fux-Kino in der ehemaligen Viktoria-Kaserne in Hamburg Altona. Die 20 Plätze waren besetzt. Barbara Metzlaff kenne ich als einfühlsame Kamerafrau. Ich hatte einige Male das Vergnügen, mit ihr zusammen zu arbeiten. Sie blieb im Hintergrund und nahm wahr. Und hatte die Bilder, die ich brauchte.

 

Die historische Leistung meiner Generation besteht darin, die Matratze aus den Betten befreit - und sie später wieder schön zurückgelegt zu haben.“ Dieser Satz steht in den Geschichten aus der Erinnerung von Andreas Greve. Hätte ich ihn formuliert und nicht mehr, ich wäre zufrieden mit meinem Lebenswerk. Dem Dichter von Lyrik to go fallen aber allein in seinem neuen Buch mehrere Säze von bleibendem Wert ein. Es heißt Etwas ist immer und erscheint als Book on Demand.

 

Wir sind gemeint. Die 30 Zuhörer in einem Friseursalon an der Eulenstraße in Ottensen. Nicht mehr 68er-Generation und noch nicht Generation Golf. 78-er hat uns mal einer genannt, der damals – Ende der 80er-Jahre muss es gewesen sein – in einer Arbeitsgruppe mitmachte, die ein alternatives Magazin herausbringen wollte. Jetzt macht er ganz oben Meinung und behauptet: Alles wird anders. In seinem Fall stimmt es. Zumindest, was  den Rentenbescheid angeht.

 

Wir sitzen also in Ottensen, dem Hamburger Quartier, zu dessen Umwandlung vom heruntergekommenen Arbeiterviertel zu einer der teuersten deutschen Wohngegenden meine Generation gerade rechtzeitig kam. Die meisten im Auditorium leben hier und können es sich anscheinend leisten. Andreas Greve ist in der Nachbarschaft aufgewachsen.

 

Wir kommen aus einer anderen Welt. Andreas Greve erfasst sie in der Beschreibung der Mülleimer, die zu unserer Kinder- und Jugendzeit aus Metall waren, weil sie die heiße Asche aus den Kohleöfen aufnehmen mussten. Den Untergang dieser Welt haben wir in den 70er Jahren miterlebt, tatenarm und gedankenvoll. Nachzulesen beim Andreas Greve.

 

Für den gegenwärtigen Wandel der digitalen Gesellschaft in die Quantendigitalität kommen wir anscheinend wirklich zu spät.

 

Mir vermachte Andreas Greve meine Berufsbezeichnung Schreibtischler. Ich habe zu danken. Und arbeite noch, in der vagen Hoffnung auf einen Gedanken, der es wert wäre, überliefert zu werden.