Willkommen in der Wildnis.

Ein Beitrag von 2015. Man konnte damals schon manches sehen, was heute unübersehbar ist, wenn man es sehen will.

Kurz nach Mitternacht erreicht der ICE den Hamburger Hauptbahnhof. In Hannover waren mir die jungen Männer aufgefallen, die mit Rucksäcken durch den Großraumwagen eilten. Ärmlich wirkende Menschen, wie ich sie ich in der S-Bahn treffe. Im ICE fielen sie aus dem Rahmen. Auf dem Bahnsteig sammelten sie sich um einen Mann, der ein Schild hoch hielt: „Flüchtlingshilfe“ stand darauf. „Sweden?“ fragte er und forderte die acht bis zehn Personen auf „follow me“. Im Laufschritt verschwanden sie.

 

Diese Aktion, die ich im Herbst 2015 beobachtete, hatte etwas Klandestines, dabei geschah sie unter den Augen der Bahnpolizei. Staatlich geduldete Schlepper, dachte ich. Wieso schauen die Behörden weg? Ich hatte durchaus Sympathien für diese Aktion. Denn ich verstehe die jungen Männer. Sie haben, wie ich, nur ein Leben. Doch das Befremden blieb. In einer der vielen „Argumentationshilfen“, mit denen Flüchtlingshelfer mittels einfacher Antworten auf Fragen, die so niemand stellt, Aufklärung simulierten, fand ich einen Hinweis.

 

Deutschland habe genug Platz, hieß es da. Ganze Landstriche im Osten seien entvölkert. Dieses Argument höre ich oft. So, als bräuchten Menschen Auslauf. Wie Hunde. Aber die Uckermark ist menschenleer, weil es dort keine Infrastruktur, keine Arbeit gibt. Das Land, auf dem sich die Helfer die Flüchtlinge fröhlich ackernd vorstellen, gehört Großgrundbesitzern. Was viel versprechend erscheint, ist in Wirklichkeit perspektivlos. Deshalb verlassen die Uckermärker ja ihre Heimat. Ein Gedankenblitz beleuchtete, was ich auf dem Bahnsteig gesehen hatte. Eine Tierbefreiungsaktion. Nicht, dass die Menschen Tiere wären. Aber die Fluchthelfer handeln, als schenkten sie den Menschen die Freiheit, indem sie sie an der Grenze aussetzen. Als sei die Gesellschaft die freie Wildbahn.

 

"Refugees Welcome" könnte die Voraussetzung sein, über eine menschenwürdige Politik nachzudenken. Auch nach Monaten scheint das "Willkommen" das ganze politische Programm der Flüchtlingshelfer zu sein. Die Ehrenamtlichen werden oft als Akteure der Zivilgesellschaft beschrieben. Sie handeln wohl eher aus moralischem Empfinden, Mitleid, Betroffenheit. Alles gute Gründe. Können sie Bürgersinn ersetzen? Vor mehr als vierzig Jahren machte ein Schulfreund seinen Platz in der Straßenbahn für eine ältere Dame frei. Die hatte das von dem langhaarigen Jüngling nicht erwartet. "Keine Ursache", erklärte der: "Ich bin Anarchist." Seine Freundlichkeit war gewissermaßen ein Vorgriff auf eine rücksichtsvolle Gesellschaft. Dem Handeln der Flüchtlingshelfer fehlt jedes Begreifen gesellschaftlicher Zusammenhänge. Nichts weist über den Tag hinaus. Folglich gibt es keine Demos – gemeinsam mit Syrern – gegen Deutschlands Waffen für Saudi Arabien. Keine Demos gegen deutsche Unterstützung von Land raubenden Konzernen in Afrika. Keine öffentliche Diskussion, wie eine solidarische Gesellschaft aussehen könnte – jenseits von Kleiderspenden und Sprachkursen zum Nulltarif.

 

Diese Form der Flüchtlingshilfe lässt sich mit der Armutsbekämpfung der „Tafeln“ vergleichen. Mit gutem Gewissen entlassen sie den Sozialstaat aus der Verantwortung. Sie schaffen mit ihrem Engagement keine alternativen Strukturen, sondern verfestigen Bittstellerei. Sie verschönern Armut, der Staat verteilt das Geld weiterhin von unten nach oben. Gut gemeint ist und bleibt das Gegenteil von gut. Auch in der Flüchtlingsarbeit: Denn während die Helfer den Staat entlasten, zieht die Regierung unbehelligt die Mauern hoch und verschärft das Asylrecht, so wie sie unbehelligt weiter Waffen in den Nahen Osten liefert– eine perfekte Rollenaufteilung. Ein Politikwandel sieht anders aus.

 

Der Philosoph Armen Avanessian warnt, es müsse verhindert werden, dass Menschen unter Lebensgefahr ihre zerstörte Heimat oder die Auffanglager im Nahen Osten verlassen, um hier wieder in Zelten zu vegetieren. Das könnte die Frage sein: Wie organisiert man Solidarität in einer auseinander driftenden Gesellschaft?

moes@hamburg.de

Nehmen Sie Platz. Es sitzt sich nirgends bequemer als zwischen allen Stühlen.

Foto: Tara Wolff, Hamburg