Herr Delius bleibt in Deckung

Ich sage nur: Kina, Kina, Kina*.

Von F. C. Delius habe ich mal etwas über eine Jugend in Hessen gelesen. Eine Szene ist in meinem Kopf. Die Beschreibung der Atmosphäre an dem Sonntagnachmittag im Jahre 1954, an dem die deutsche Fußballnationalmannschaft in Bern Weltmeister wurde. Gleißende Hitze, lähmend, angespannt. Dann stürmte Helmut Rahn in den Strafraum und schoss die Volksgenossen zurück in die Staatengemeinschaft, was einige so begeisterte, dass sie im Stadion die erste Strophe der Nationalhymne grölten. F. C. Delius kann also schreiben.

 

Das neueste Buch des Büchner-Preisträgers habe ich mir von ihm in Auszügen vorlesen lassen. Es hat einen langen Titel, in dem es um den Verkauf von Rügen, der größten deutschen Insel, geht. Käufer sind die Chinesen. Die Gefahr, die von den cleveren Geschäftsleuten aus der kommunistischen Staatshölle ausgehe, werde zu wenig diskutiert. Was das Gefährliche ausmacht, bleibt im Ungefähren. Irgendwie sei die Demokratie gefährdet, warnt F. C. Delius.

 

Die Deutschen sind seiner Ansicht nach oder nach Ansicht seines Alter Ego im Roman ihrerseits nicht ohne Fehl und Tadel. Sie hätten Griechenland zu Grunde gerichtet. Die Chinesen hätten die Schwäche des Landes genutzt, um einzukaufen. Ihnen gehöre jetzt der Hafen von Piräus. Der Flughafen von Athen ist vielleicht noch wichtiger. Die Frankfurter Flughafen AG hat ihn billig erworben. Das hat aber nicht F. C. Delius erzählt.

 

Die 120 Zuhörer der Lesung im Hamburger Literaturhaus sind nicht alle mit der Kritik an der Politik von Angela Merkel einverstanden. Ich höre hinter mir Grummeln über den Loserstaat Griechenland. Solche Ansichten sind wahrscheinlich eher typisch als die des Autors. Der Klassenlehrer in der Berufsschule forderte uns auf, fleißig zu lernen: Ihr seid doch keine Griechen.

 

Der Autor thront auf dem Podium, hat aber nichts Konkretes zu sagen. Er habe sich mit Ökonomie beschäftigt. Aber wozu? Ist das, was seine Hauptperson sagt, das, was er denkt? Er sei natürlich in dem Protagonisten, aber wie viel und mit welcher Einstellung könne er nicht sagen. So raunen der eitle Autor und die bemühte Moderatorin zwei Stunden lang.

 

Mir fiel die Veranstaltung wieder ein, als ich Annie Ernaux las. In Die Jahre verknüpft sie ihre Biographie mit der französischen Zeitgeschichte. Als Mädchen wurde sie in den 40er und 50er Jahren auf klare Rollenbilder hin erzogen. In den 60er Jahren gerieten die Strukturen der Gesellschaft ins Wanken. Für Annie Ernaux noch früh genug, um neue Rollen auszuprobieren. Vor allem die Kirche verlor ihren Einfluss, den sie – so die Autorin – ihrer Herrschaft über den Sex verdankte. Jetzt scheinen die Frauen befreit zu sein. Trotzdem lasen sie immer noch mehr Romane als die Männer, als müssten sie ihrem Leben eine imaginäre Form geben.

 

Romane schaffen eine eigene Realität. Dieser nicht. Manche helfen bei der Flucht in eine Traumwelt. Dieser nicht. Wenn ich Romane lese, will ich nicht wissen, wieviel Julian Barnes in The Sense of an Ending steckt und wieviel Ian McEwan in Machines like me. Diese Autoren schaffen es, die Realität in neuem Licht erscheinen zu lassen. Sie schaffen Erkenntnis- und Erfahrungsräume. Was hätte F. C. Delius erreichen können, hätte er statt eines verklausulierten Tagebuchromans Fakten geliefert?

 

*Kurt-Georg Kiesinger, ehemaliger Bundeskanzler der untergegangenen BRD.