Ausweichmanöver

Wenn Soldaten fallen.

Das Abitur hat Jörn bestanden. Wir treffen uns trotzdem weiter. Er will sich im Deutschen verbessern. Er hatte noch vor dem Abitur begriffen, dass man für das Leben lernen sollte. Dabei half ich ihm gern. Ich gab ihm Regeln an die Hand.

 

Schreiben ist Arbeit. Konzentriere dich auf dein Tun. Nenne Ross und Reiter. Schreibe im Aktiv, vermeide das Passiv. Verwende nie ein langes Wort, wenn ein kurzes reicht (George Orwell) (…) Lese so viel, wie es geht. Lese aufmerksam. Lese, wenn möglich, laut. Achte auf Stil und Wortwahl. Verwende, was dir gefällt, in deinen Texten. Und du wirst sehen: es geht immer noch besser.

 

Seit wir uns treffen, gewann ich den Eindruck, als lernten Schüler nicht mehr, sich auf Texte zu konzentrieren. Es wird viel diskutiert, meinungsfreudig. Jörn hatte oft schon eine Meinung, bevor er einen Sachverhalt ganz erfasst hatte. Daran haben wir gearbeitet.

 

Im Urlaub hatte er Verdun besucht. Bei der Schilderung des dortigen Kriegsmuseums, solle er sich an das Gesehene halten. Und er macht das gut. Er hat die Fahrt von Hamburg an den Schauplatz des Ersten Weltkriegs gemacht, weil er den Krieg authentisch nachempfinden will. Wo ginge das besser als an Originalschauplätzen? So dachte er.

 

Das Museum verspricht, die Besucher ins Zentrum der Schlacht zu führen. Aber kaum betritt Jörn die Ausstellung, wird ihm der Etikettenschwindel klar: Chaos, Angst, Giftgas, die mit Hurra aus den Gräben in die Maschinengewehrsalven stürmenden jungen Männer, sind keine Darstellung wert. Jörn schildert, was er sieht. Zum Beispiel saubere gestärkte Uniformen, geputzte Waffen, Verbandszeug. Der letzte Raum gehört den Generälen; ihren Portraits, den Lebensläufen, den Kartentischen, an denen sie das Schlachten planten. Ihre Dummheit kostete mehr als 700.000 junge Männer das Leben. Die Verantwortlichen starben im Bett, in Ehren gealtert.

 

Das Kriegsmuseum zeigt auch die „Rue de sacre“, die „Lebensader“ der Schlacht. Über sie kamen frische Truppen an die Front. Jörn verteidigt die Bezeichnung, die Frontsoldaten freuten sich über Ersatz. Aber hielt der Nachschub nicht viel mehr den Krieg am Leben? Die Transporter lieferten frische Kämpfer und fuhren mit Leichen beladen zurück.

 

Es zeigt sich: genaues Hinsehen macht Zusammenhänge deutlich. Je klarer die Sprache, desto glanzloser die Helden des Vaterlandes, die ordengeschmückten Kommandanten, die Totengräber einer Generation. Neben der Freude, das erarbeitet zu haben, merke ich dem jungen Mann Unwohlsein an. Den Tod an der Front zu schildern, die Schreie der Verletzten, die Geräusche, wenn Knochen brechen, Gedärme zerreißen, Mägen platzen, ist ja nicht üblich. Wer will schon die Wahrheit hören? Wer die Wahrheit schreibt, macht sich Feinde. Schreibt Jörn da nicht lieber von "Gefallenen"? Er spürt gerade, das Abitur war nicht die letzte schwere Prüfung.

 

Am Nachmittag vor unserer Stunde hatte er sich als Freiwilliger bei der Bundeswehr gemeldet. Eine gute Chance, noch weiter Kindergeld zu kassieren, bis er sein Studium beginnen würde. „Mach, was wirklich zählt“, lockt die Armee. Von Krieg sprechen Militärs nicht. Weder in Verdun, noch in den Kasernen der Bundeswehr.