Richtig valsch

Über den Kampf für eine bessere Welt

Die Mittelschicht hat den Flüchtlingen Willkommensplakate gezeigt.
Solche Plakate müssten wir sinnbildlich auch der eigenen Unterschicht entgegenhalten.

 

Georg Cremer, Generalsekretär der Caritas, SZ, 12. 2. 2016

 

Ein deutsches Märchen. Eigentlich ist Anton M. ein ruhiger Typ. Ein Typus. Er war mal Kommunist oder Anarchist. Kein Träumer. Sondern engagiert für eine bessere Welt. Die Bindungen an bürgerliche Werte siegten schließlich. Er beendete sein Studium, ob mit ach und krach oder summa cum laude sei dahingestelt. Damals kamen viele wie er bei den Grünen unter. Oder in der Verwaltung. In den mehr oder weniger leer laufenden Strukturen. Was tun – sarkastisch gesagt – Wohlfahrtsverbände anderes, als Armut zu verwalten? Ab und zu tritt er noch als Radikaler bei politischen Veranstaltungen auf. Aber das wird weniger. Die Schlachten sind geschlagen.

 

Anton M. kann sich aufregen. Zum Beispiel, wenn er jemanden im Verdacht hat, Abschiebungen zu befürworten. Es reichte schon zu fragen, ob es in jedem Fall richtig ist, eine Abschiebung zu verhindern. Müsste man nicht Wertmaßstäbe entwickeln, mit denen Migration als das behandelt werden könnte, was sie ist? Als der Versuch Einzelner (genauer gesagt einer Masse Einzelner), sich etwas vom Kuchen zu holen, statt sich weiter mit Brotkrumen zu begnügen? Und müssten nicht – mit Unterstützung aus dem Westen – in den Herkunftsländern Projekte aufgebaut werden, die eine Flucht überflüssig machten? Politische Fragen wie diese wurden nirgendwo beantwortet.

 

Kirchen und andere Gruppen schienen sich moralische Fragen auf die Fahnen geschrieben zu haben. Als „Task Force Grundrechte“ gaben sie die Hüter der Verfassung. Wissend, dass die Realität über das Asylrecht hinwegfegt. Kaum einer der Flüchtlinge erfüllt seine Vorgaben. Wenige werden anerkannt. Die meisten Angekommenen dürfen aus humanitären Gründen bleiben. Gut so, dachte er. Aber warum nötigt man sie, ihre Biografien zu fälschen? Er hatte von Flüchtlingen seines Vertrauens erfahren, wie zerstörerisch das sein kann.

 

Er will niemanden zurückschicken. Er will offen reden. Politisch diskutieren. Es geht ja längst nicht mehr um Einzelfälle, wie Pro Asyl suggeriert. Vor den Augen der begriffsstutzigen Menschheit vollzieht sich die Erosion des Nationalstaates. Statt sie politisch zu gestalten, verlagern die Beteiligten den Streit ins Moralische. „Gott kennt keine Obergrenzen“ gegen „Grenzen dicht machen“. Tertium non datur, konnte er sich nicht verkneifen, zu schreiben. Wozu hatte er jahrelang für das Große Latinum gebüffelt.

 

„Ich kämpfe dafür, dass jeder seine garantierten Rechte durchsetzen kann. Egal ob mir seine Motive passen oder nicht,“ hatte ihm eine Kirchenaktivistin erklärt. Das wirkte aufrecht.

 

Bewies aber womöglich nur die Illusion, nicht zu den Betroffenen zu gehören. Ausbaden müssten es die Angehörigen der Unterschicht, sinnierte er. Bürgerliche Menschen sind es gewohnt, Kosten zu externalisieren. Sie fliegen, fahren Auto, weil es billig ist. Aber nur, weil andere die Zeche zahlen. Die heraufziehende Klimakrise wird solche Inseln der Seligen wegschwemmen.

 

Die Menschen, die zu uns kommen, erschienen ihm wie Vorboten einer tiefgreifenden Veränderung. Ob das Beharren auf politische Moral geeignet ist, die gesellschaftlichen Verwerfungen in den Griff zu kriegen? Wer weiß das schon? Wen interessiert es?

 

Es hatte ihn gedrängt, diesen Text zu schreiben. Treffen mit ehemaligen Weltverbesserern, von denen einige jeden Tag im Anzug in gläserne Architektensünden radelten, hatten ihn tief verunsichert. Ihm war bewusst geworden, dass es zwischen all den über dicken Akten Brütenden keinen Austausch gab. Eher so etwas wie Dienst nach Vorschrift. Jeder machte seins, so sah es aus. Von den Büros aus gesehen, war die Welt stabil. Am Wochenende zum Frühstück nach Florenz oder noch mal nach Barcelona? Das waren hier die Fragen. Er wusste, das war polemisch. Aber, beharrte er, nicht ganz falsch.

 

Die ersten Notizen machte er im ICE von Erfurt nach Hamburg. In einer Bildungsstätte hatte er versucht, seine Gedanken auszutauschen. Die er bekommen hatte, gefielen ihm noch weniger. Er hatte seine Sichtweise mit Mitarbeitern von Flüchtlingshelfergruppen diskutiert. Dabei wurde er den Eindruck nicht los, sie stellten sich vorbehaltlos auf die Seite der Flüchtlinge. Den Satz „Integration ist keine Einbahnstraße“, mit dem die Sozialarbeiterinnen auf die Notwendigkeit von Veränderungen bei den angestammten Einwohnern drängten, konnte er nicht mehr hören. Denn so wie diese Behauptung benutzt wurde, ignorierte sie die Gegenfahrbahn. Die dort im Stau standen, galten den weltoffenen Freunden der Vielfalt als Geisterfahrer. Waren es dafür nicht zu viele?  

 

„Wer versucht, Interessen zu formulieren, macht sich verdächtig. Die einzigen, die konsequent ihre Interessen verfolgen, sind die Flüchtlinge. Sie hängen das nicht an die große Glocke“, hatte er sich notiert. Er hatte Interessen, die sich nicht mit denen der Flüchtlinge deckten. Er wollte nicht zur Mobilität gezwungen werden. Er war auf einen funktionierenden Sozialstaat angewiesen. Und er wollte sich nicht erzählen lassen, die Zuwanderung mehrerer Millionen Menschen, die langfristig Hilfe beanspruchten, könne aus der Portokasse bezahlt werden. Schon die deutsche Einheit hatten die unteren sozialen Schichten bezahlt. So ging es nach dem gleichen Muster weiter.

 

Mit den Sitzungsprotokollen in der Tasche verließ er die schmucke Landeshauptstadt. Warum sah er schwarz? Erfurt wirkte nie wohlhabender und gepflegter. Nichts Neues, weder im Westen noch im Osten. Die Verzweiflung vermutete er in den Plattenbauten. Schwelte dort sozialer Aufruhr nach dem Muster der französischen Gelbwesten? Oder war alles ruhig? So fuhr er heim. Mit leisen Zweifeln. Auf welcher Seite der Barrikaden würde er stehen?

 

Seine Reise lief auf eine Verschleuderung von Ressourcen hinaus. In den Arbeitsgruppen hatte er gemeint, die Folgen des politischen Mordes an dem hessischen Regierungspräsidenten zu spüren. Ihn lähmten sie fast. Die Faschisten hatten das Land im Griff. War es nicht so? Gedankenverloren summte er „Spaniens Himmel“, mit den Textlücken, die Wolf Biermann gelassen hatte. Das hatte der kleine Mann, das große Ekel, gut hingekriegt. Es gebe kein richtiges Leben im Valschen, hatte das nicht der Philosoph Robert Gernhardt erkannt? Das musste er unbedingt mit Anton M. besprechen. Da durchzuckte es ihn wie ein Blitz. Anton M. war er selbst.