Udo forever

Über Lärm.

Sich immer treu geblieben zu sein, darin besteht der Markenkern des Schlagerstars Udo Lindenberg. Er würde sich allerdings nie als Schlagersänger bezeichnen. Er nennt sie „Schlageraffen“. Udo hält sich dagegen für einen ewig jungen Rock-and-Roller.

 

„Konsequenz fängt mit U an. Ihr Name ist Udo“, so sieht er das. Das strengt an auf Dauer. „Hey, ich bin einer von euch, stets der Alte geblieben“, so geht es von Anfang bis zum Ende der Show (am 13. 7. 2019 in der Dortmunder Westfalenhalle). Sie beginnt ohrenbetäubend und alle Sinne überwältigend mit einem Raketenstart. Die Halle zittert. Kanonenschläge explodieren, Funken fliegen. Flugzeuge rasen auf das Publikum zu. So müssen sich die Menschen im World Trade Center gefühlt haben. Doch diese Jets haben Udo an Bord. Hinter einem Rudel von Doubles schreitet er die Gangway herunter: das Original. Garantiert unverändert.

 

Sonst ist nichts von dieser Inszenierung  wichtig für den Auftritt. Heiße Luft. Udo lässt Videotechniker zeigen, was sie können. Überwältigung ist Trumpf. Diese Lautstärke bleibt, auch bei ruhigen Stücken.

 

Udo war mal ganz unten. Ein Säufer. Jetzt ist er wieder da und will es bleiben bis 2046. Dann wird er 100. Der alte Mann macht das gut. Eben wie immer. Aber ständig erzählt er von seinem Sieg gegen „Lady Whiskey“. Wer jemals mit Alkoholikern Kontakt hatte, weiß: sie haben nur ein Thema. Den Alkohol. Wenn sie saufen, weil sie ihn brauchen. Wenn sie trocken sind, weil sie es wieder einen Tag ohne geschafft haben. Beides nervt ganz schön.

 

Udo nervt. Auch wenn er vom Frieden singt. Dann müssen Kinder ran. Dann sind alle guten Willens. Nur die „Mächtigen“ nicht. In einem Boxring lässt er Putin und Trump aufeinander treffen. So will er Kriege überflüssig machen. Die Bundeswehr hätte auch etwas davon, denn die sei ja für Kämpfe nicht gerüstet, behauptet er. Dieser Satz zeigt, wie wenig durchdacht sein Friedensappell ist. Deutschland hat ja eine hochgerüstete Armee. Die kämpft sogar in aller Welt. Das interessiert Udo nicht.

 

Er will eine Botschaft verkünden. Schließlich ist er über die Jahrzehnte so etwas wie das gute Gewissen der friedfertigen Deutschen geworden. Er ist ja eine Institution, kein einfacher Sänger. Deshalb, lässt er seine bunte Truppe zu einer tumben Melodie den unsäglichen Traum von der „Bunten Republik Deutschland“ singen, in der sich alle individuell verwirklichen können. Auf diese Weise gemeindet er noch mal schnell die Genderbewegung ein. Udo gibt sich immer aufgeschlossen. Das Ergebnis ist „Friede, Freude, Eierkuchen“, schlimmer als das: es ist nationalistischer Kitsch. An diesem Tiefpunkt ist sein Auftritt kein Stück besser als der Hamburger Schlagermove, der am Wochenende wummernd durch St. Pauli fuhr - ohne Botschaft, Hauptsache laut.

 

Gut – nein unübertroffen – ist Udo, wo er von seinen Frauen singt. Wunderbare, lebenssatte Balladen über Sehnsucht, Enttäuschung und Glück, die den Krach nicht brauchen. Cello – gigantisch inszeniert und auf neue mitreißende Weise interpretiert – zeigt, was Udo Lindenberg drauf hat. Ganz schön viel für ein Leben. „Hinterm Horizont gehts weiter“. So ist es. Und als er zum Schluss die Reeperbahn, die „alte Gangsterbraut“, feiert, hat er mich eingefangen. Ich singe aus voller Kehle mit – ein geiler Schlager.    

moes@hamburg.de

 

Nehmen Sie Platz. Es sitzt sich nirgends bequemer als zwischen allen Stühlen.

Foto: Tara Wolff, Hamburg